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Monitor Lehrerbildung

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Wie ist die Lehrerbildung an Hochschulen organisiert?

Lehrkräfte stehen wachsenden Anforderungen gegenüber: Die zunehmende Heterogenität der Schülerschaft und die Digitalisierung von Gesellschaft und Bildung prägen immer stärker den beruflichen Alltag, erfordern zusätzliche Kompetenzen und sogar neue Rollenbilder. Entsprechend werden Inhalte und Ziele des Lehramtsstudiums kontinuierlich reformiert und sogar die Organisationsstrukturen stetig angepasst. Diese Broschüre gibt einen Überblick über die derzeitigen Strukturen der Lehrerbildung auf Hochschulebene1, bevor weiterer Handlungsbedarf und Lösungsmöglichkeiten diskutiert werden.

Wie ist die Lehrerbildung strukturell an deutschen Hochschulen eingebettet?

Die Lehrerbildung liegt meist quer zur herkömmlichen Fachbereichsstruktur der Hochschulen. Lehramtsstudierende sind, entsprechend der angestrebten Unterrichtsfächer, in mehreren Fachbereichen und Bildungswissenschaften gleichzeitig verortet. Daraus ergibt sich ein verstärkter Koordinationsbedarf: Nicht nur das Lehrangebot der drei Säulen Fachwissenschaft, Fachdidaktik und Bildungswissenschaften muss aufeinander abgestimmt, auch die institutionelle Verantwortlichkeit für Lehramtsstudierende muss geklärt sein, damit sie innerhalb der Hochschule eine „Heimat“ haben. Des Weiteren ist es notwendig, zwischen den drei Säulen Fachwissenschaft, Fachdidaktik und Bildungswissenschaften so zu vermitteln, dass eine optimale Professionsorientierung auf den Lehrberuf gewährleistet ist. Zu diesem Zweck haben viele Hochschulen in den letzten zehn Jahren zentrale Einrichtungen geschaffen, die diese koordinierenden Aufgaben übernehmen und den Lehramtsstudierenden eine institutionelle „Heimat“ geben sollen. Bei 48 der befragten 61 Hochschulen2 heißt diese Einrichtung Zentrum für Lehrerbildung, bei acht Hochschulen School of Education, eine Hochschule plante zu diesem Zeitpunkt die Einrichtung eines Zentrums für Lehrerbildung. Bei den restlichen Hochschulen lag eine abweichende Organisationsform vor, beispielsweise eine Stabsstelle. Wie später gezeigt wird, unterscheiden sich die Einrichtungen trotz unterschiedlicher Benennungen nicht zwangsläufig hinsichtlich ihrer Aufgaben und Kompetenzen. Zu den Gründungszeitpunkten der Zentren für Lehrerbildung bzw. Schools of Education wurden die Hochschulen separat befragt. 44 Hochschulen machten hierzu Angaben:

 

 

Die Etablierung von zentralen Strukturen in der hochschulischen Lehrerbildung erfolgte in drei Phasen. In der zweiten Hälfte/Ende der 1990er Jahre entstanden die ersten Zentren für Lehrerbildung, was als wichtiger Meilenstein zu werten ist. Zwischen 2005 und 2009 nahm die Einrichtung solcher Organisationseinheiten stark zu. Seit 2009 werden zunehmend Zentren für Lehrerbildung in Schools of Education umbenannt. Mit diesem neuen Namen gehen aber nicht in jedem Fall neue Aufgaben, Kompetenzen oder Ausstattungen einher.

Zentren für Lehrerbildung und Schools of Education sind sehr uneinheitlich konzipiert. Auf Länderebene gibt es zur Ausgestaltung dieser zentralen Einrichtungen kaum Vorgaben. 14 Länder schreiben zwar die Einrichtung von Zentren für Lehrerbildung oder ähnlicher Strukturen verbindlich vor, aber nur sechs davon machen gesetzliche Vorgaben zu Kompetenzen und Aufgabenbereichen solcher Einrichtungen; zwei Länder (Niedersachsen und Sachsen-Anhalt) überlassen nicht nur die Ausgestaltung, sondern auch die Entscheidung bezüglich der Gründung einer solchen Einrichtung den Hochschulen selbst.

Somit haben die Hochschulen bei der Ausgestaltung der Strukturen relativ freie Hand und nutzen diese Freiheiten auch. Von kleinen Verwaltungseinrichtungen, die vorwiegend dienstleistungsorientiert ausgerichtet sind, bis hin zu eigenen Fakultäten für die Lehrerbildung oder Einrichtungen mit fakultätsähnlichem Status finden sich viele Varianten.

Wodurch zeichnen sich Zentren für Lehrerbildung bzw. Schools of Education aus?

Organisationsform

Zentrale Einrichtungen für die Lehrerbildung können als Zentren für Lehrerbildung, (Professional) Schools of Education oder als Koordinierungsstellen vorliegen.3 48 der 67 befragten Hochschulen haben ein Zentrum für Lehrerbildung eingerichtet, acht Hochschulen eine (Professional) School of Education, zwei Hochschulen eine Koordinierungsstelle bzw. -gruppe für das Lehramt.4

Betrachtet man den organisatorischen Status der Zentren für Lehrerbildung, sieht man, dass sie in der Regel zentrale Einrichtungen der Hochschule sind. Nur zwei Hochschulen, die TU München und die Leuphana Universität Lüneburg, verfügen über eine eigene Fakultät für Lehrerbildung. In einigen Fällen sind die Zentren strukturell auch als Stabsstelle (z.B. Universität Heidelberg), wissenschaftliches Zentrum (Universität Hildesheim) oder als Querschnittseinrichtung zu den Fachbereichen (z.B. Universität Bochum) organisiert.


 

Ausrichtung und Aufgabenspektrum der Einrichtungen

Zentrale Einrichtungen können nach ihrer Aufgabenstellung kategorisiert werden. Denkbar sind dienstleistungs-, forschungs- oder lehrorientierte Schwerpunktsetzungen. Zusätzlich ist hinsichtlich der Rolle der zentralen Einrichtungen relevant, ob ihnen die Verantwortung für die konzeptionelle Weiterentwicklung oder die Qualitätssicherung der Lehramtsstudiengänge zugewiesen wird.

 

Die Erhebung des Monitors Lehrerbildung zeigt:5 Eine Spezialisierung auf ausschließlich einen oder zwei Aufgabenbereiche findet in der Regel nicht statt. 33 von 60 Hochschulen, die auf diese Frage mit möglichen Mehrfachnennungen geantwortet haben, verfügen über zentrale Einrichtungen, die alle genannten Schwerpunkte abdecken. Nur 13 Hochschulen setzen einen erkennbaren Schwerpunkt auf den Dienstleistungsbereich, d.h. ihre Einrichtung übernimmt zu mindestens 50% Dienstleistungsaufgaben.


Blick in die Praxis

Die gewählte Organisationsform zentraler Einrichtungen, ob also Zentrum für Lehrerbildung oder School of Education, hat nicht zwangsläufig einen Einfluss auf die tatsächliche Ausgestaltung der Aufgaben und Kompetenzen. So nennt sich die zentrale Einrichtung für Lehrerbildung der Universität Paderborn „Zentrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung (PLAZ)“, versteht sich aber ebenso als Querstruktur zu den Fachbereichen wie die „Professional School of Education“ der Humboldt-Universität zu Berlin. Es gibt vereinzelte Einrichtungen, die einen Schwerpunkt auf nur eine Aufgabe setzen. Das Zentrum für Lehrerbildung der Universität Münster etwa hat einen Dienstleistungsschwerpunkt und übernimmt insbesondere Aufgaben der Beratung, Koordination, Organisation und Vernetzung des Lehramtsstudiums und der Praxisphasen. Genauso gibt es Einrichtungen, die alle Aufgaben zu gleichen Teilen übernehmen, wie das Zentrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung der Universität Potsdam. Die Hochschulen, deren zentrale Einrichtungen für Lehrerbildung die meisten Stellen zur Verfügung haben, sind neben der TU München und der Leuphana Universität Lüneburg, die eigene Fakultäten für Lehrerbildung haben, die Universität Duisburg-Essen, die Universität Siegen, die Bergische Universität Wuppertal und die Universität zu Köln.


 

Die Stellenausstattung der Einrichtungen steht nicht notwendigerweise mit der Anzahl der Aufgaben in einem Zusammenhang: Einrichtungen, die sämtliche abgefragte Aufgabenbereiche übernehmen, haben nicht zwangsläufig auch mehr Stellen dafür zur Verfügung.

Es fällt weiter auf, dass die Stellenausstattung der zentralen Einrichtungen nicht eindeutig mit dem Anteil der Lehramtsstudierenden an der einzelnen Hochschule korrespondiert, wie ausgewählte Beispiele illustrieren: So verfügt etwa die TU München über eine eigene School of Education mit Fakultätsstatus und weitreichenden Rechten, Kompetenzen und einer entsprechenden Stellenausstattung bei einem Lehramtsprüfungsanteil6 von nur 6,4% im Prüfungsjahr 2014. Hochschulen, bei denen der Lehramtsprüfungsanteil bei über 20% liegt, verfügen dagegen teilweise nur über ein Zentrum für Lehrerbildung mit zwei Vollzeitäquivalenten (VZÄ).


Stellenausstattung

Stellenausstattung in Vollzeitäquivalenten (VZÄ) von Zentren für Lehrerbildung bzw. Schools of Education: Die Abbildung zeigt an der Einrichtung direkt angestellte Mitarbeiter ohne Lehrbeauftragte und Mitglieder, die an den Fakultäten angestellt sind.

Viele zentrale Einrichtungen fungieren als Knotenpunkte für die Bündelung aller Belange und Interessen der Lehrerbildung, sowohl innerhalb der Hochschule als auch zwischen Hochschule und Studienseminaren, an denen der Vorbereitungsdienst in der zweiten Phase erfolgt. Eine freie Mitarbeit, etwa in Form einer freiwilligen Zweitmitgliedschaft für Mitarbeiter der Fachbereiche, soll es beispielsweise ermöglichen, gemeinsame Projekte für die Lehrerbildung auf den Weg zu bringen und die Zusammenarbeit der Fachbereiche untereinander zu fördern. An 53 von 60 Hochschulen, die hierzu Angaben machten, ist es möglich, am Zentrum für Lehrerbildung (oder adäquater Einrichtungen) in freier Mitarbeit mitzuwirken, ohne dort angestellt zu sein. Nur drei Hochschulen bieten diese Möglichkeit nicht.

Welche Kompetenzen haben Zentren für Lehrerbildung bzw. Schools of Education?

Um die Belange der Lehrerbildung innerhalb der Hochschule angemessen vertreten zu können, benötigen die Einrichtungen neben einer angemessenen Ausstattung auch ausreichende Rechte und Kompetenzen. Wie die Daten des Monitors Lehrerbildung zeigen, hat das Zentrum für Lehrerbildung bzw. die School of Education an der Mehrheit der Hochschulen Mitspracherecht und/oder Entscheidungskompetenz bei der konzeptionellen Weiterentwicklung und der inhaltlichen Gestaltung der Lehramtsstudiengänge.

Anders sieht es bei der Beteiligung an Berufungsverfahren aus. Nur 28 Hochschulen, also weniger als die Hälfte, erwähnen das Zentrum für Lehrerbildung bzw. die School of Education explizit als beteiligt. Eine alleinige Entscheidungskompetenz der Zentren für Lehrerbildung bei der Berufung von Professorinnen und Professoren im Bereich der Lehrerbildung gibt es nur an zwei Hochschulen. In Bezug auf die Personalauswahl, die für die Qualität der Lehrerbildung eine maßgebliche Bedeutung hat, haben die Zentren/Schools insgesamt betrachtet also weniger Mitwirkungsmöglichkeiten als beispielsweise die Gleichstellungsbeauftragten.


Rollenverständnis zentraler Einrichtungen für Lehrerbildung an den Hochschulen

23 der 38 Hochschulen, die im Zuge der Befragungen zum Monitor Lehrerbildung auf die Frage nach dem Rollenverständnis der zentralen Einrichtungen für Lehrerbildung geantwortet haben, sehen die Bündelung und Vertretung aller Belange der Lehrerbildung als ihre zentrale Rolle innerhalb der Hochschule. Hierzu zählen insbesondere die Koordination und Abstimmung sowie die Vernetzung aller beteiligten Akteure der Lehrerbildung. 20 Einrichtungen verstehen sich als Entwicklungsagenturen zur dynamischen Weiterentwicklung eines wissenschaftsbasierten und professionsorientierten Lehramtsstudiums. 19 Institutionen sehen ihre Rolle unter anderem in der Förderung von Lehrerbildungsforschung und wissenschaftlichem Nachwuchs, speziell in den Bildungswissenschaften und Fachdidaktiken. Weiterhin sehen sich die Einrichtungen als zentrale Anlaufstelle für alle Akteure der Lehrerbildung, insbesondere auch für die Lehramtsstudierenden. 14 Einrichtungen nannten ihre Funktion als Schnittstelle zwischen den Phasen der Lehrerbildung als zentral für ihr Selbstverständnis innerhalb der Hochschule.


 

 

Wie präsent ist die Lehrerbildung an Hochschulen?

Auch wenn alle Hochschulen, die sich am Monitor Lehrerbildung beteiligen, über eine zentrale Struktur für die Lehrerbildung verfügen: Die Existenz einer solchen Einrichtung an sich sagt noch nichts über den Stellenwert der Lehrerbildung an einer Hochschule aus. Aussagekräftiger ist ein Blick auf die Frage, ob die Lehrerbildung in allgemeinen strategischen Überlegungen ihren Platz findet und wo die Verantwortung für die Lehrerbildung als Ganzes hochschulintern verortet ist. An 34 von 67 Hochschulen, die auf diese Frage antworteten,7 wird im Leitbild der Hochschule explizit auf die Lehrerbildung Bezug genommen; 21 von 55 Hochschulen, die ein Leitbild haben und die auf diese Frage antworteten, erwähnen die Lehrerbildung dagegen nicht in ihrem Leitbild.

Die Mehrzahl der befragten Organisationen (60 von 67 Hochschulen) ordnet die Lehrerbildung explizit dem Verantwortungsbereich der Hochschulleitungsebene, also dem Rektorat oder Prorektorat, zu. Nur sieben Hochschulen8 sehen von einer solchen Verortung ab. Strategische Ziele für die Lehrerbildung wurden an 51 von 67 Hochschulen formuliert, sieben weitere Hochschulen planten solche zum Zeitpunkt der Befragung. An acht Hochschulen existieren keine strategischen Ziele für die Lehrerbildung. Der Anspruch einer professionellen Lehrerbildung wird unabhängig vom Lehramtsprüfungsanteil an jede Hochschule gestellt. Augenfällig ist jedoch, dass das Lehramt an vielen Hochschulen, an denen es quantitativ besonders relevant ist, strukturell unterrepräsentiert ist.


Baden-Württembergs Modell der Pädagogischen Hochschule

Um die Lehramtsausbildung durch Wissenschaftlichkeit aufzuwerten, wurden spätestens seit den 1980er Jahren die Pädagogischen Hochschulen in allen Ländern abgeschafft und das Lehramtsstudium an die Universitäten verlagert. Lediglich in Baden-Württemberg werden für alle Lehramtstypen, mit Ausnahme des Lehramts an Gymnasien, Lehrkräfte ausschließlich an den Pädagogischen Hochschulen des Landes ausgebildet. Standorte bestehen in Freiburg, Heidelberg, Karlsruhe, Ludwigsburg, Schwäbisch-Gmünd und Weingarten. Die Pädagogischen Hochschulen zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine klare Profilbildung auf die Lehrerbildung besitzen und somit keine Diskussionen um ihren Stellenwert innerhalb der Hochschule bestehen. Die Zusammenarbeit zwischen den drei Säulen des Lehramtsstudiums, Fachwissenschaft, Fachdidaktik und Bildungswissenschaft, soll durch die professionsorientierte Grundausrichtung der gesamten Hochschule gewährleistet sein. Es bestehen darüber hinaus häufig Kooperationen mit den anderen Hochschulen des Landes, insbesondere im Bereich der Fachwissenschaft, die an den übrigen Hochschulen stärker repräsentiert ist. Ein Blick auf die Organisation der Pädagogischen Hochschulen könnte Anregungen bieten zur Etablierung und zum Ausbau lehrerbildungszentrierter Strukturen an den lehrerbildenden Hochschulen der anderen Länder. Diese fließen in die abschließenden Überlegungen ein.