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Monitor Lehrerbildung

© 2015 | Bertelsmann Stiftung, CHE Gemeinnütziges Centrum für Hochschulentwicklung, Deutsche Telekom Stiftung, Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V.

Wie sollte das Lehramtsstudium auf die Arbeit in der Ganztagsschule vorbereiten?

1. Zielorientierte pädagogische Konzepte identifizieren und in die Breite tragen!

Die mit dem Ganztag verknüpften Hoffnungen und Ziele führten dazu, dass viel in den Ganztagsschulausbau investiert wurde. Nun ist es an der Zeit, neben der Bereitstellung der nötigen Rahmenbedingungen durch die Schulpolitik die zielgerichtete Vorbereitung zukünftiger Lehrkräfte auf ganztägig organisierte Schule in den Blick zu nehmen. Bei der Entwicklung handlungsorientierter Konzepte zur Gestaltung von Ganztagsschulen in der schulischen Praxis muss der Austausch zwischen Schule und Hochschule intensiviert werden. Forschungsprojekte wie die StEG-Studie haben bereits erste wertvolle Ergebnisse und belastbare Daten zur Ganztagsschulpraxis geliefert, die nun auch als Grundlage detaillierter Fragestellungen der Lehrerbildung genommen werden sollten. Konzepte, die sich in der Schulpraxis bewährt haben, müssen identifiziert und für die Lehrerbildung nutzbar gemacht werden, um sowohl in der Politik als auch in der Hochschule das konzeptuelle Vakuum erfolgreicher Umsetzungsstrategien zu füllen. Eine auf die Ganztagsschule ausgerichtete Lehrerbildung benötigt mehr als eine abstrakte Zielsetzung.

"Ganztag ist eine gute Idee, daran zweifelt kaum noch jemand. Aber jetzt muss aus der guten Idee auch eine gute Realität werden. Das Ziel ist klar; jetzt brauchen Schulen, Hochschulen und weitere Akteure eine Art Wegbeschreibung, wie dieses Ziel erreicht werden kann. Für die Hochschulen bedeutet das zum Beispiel, dass erfolgreiche Konzepte aus der Schulpraxis nun auch systematisch in die Lehrerbildung übertragen werden müssen. Nur so gelangt gute Praxis auch in die Breite. Und es bedeutet, dass Hochschulen über Begleitforschung zum Thema Ganztag verstärkt die Identifikation bewährter Ansätze auf eine solide Basis stellen und vorantreiben."

Prof. Dr. Frank Ziegele, Geschäftsführer des CHE Centrum für Hochschulentwicklung

2. Das Lehramtsstudium konsequent auf die Schulwirklichkeit hin ausrichten!

Den Hochschulen muss bewusst sein, dass sich die Schulwirklichkeit verändert (hat), und dass siemehrheitlich Lehrkräfte für eine Tätigkeit in einer Schule ausbilden, die ganztägig organisiert sein wird. Es darf also nicht darum gehen, das Lehramtsstudium einfach um zusätzliche "Ganztagsschul-Elemente" zu erweitern, sondern darum, eine grundsätzliche Fokusverschiebung vorzunehmen. Die Lehrerbildung muss sich entsprechend konsequenter und systematischer als bislang geschehen auf eine veränderte Schulwirklichkeit einstellen, in der Ganztag zur neuen Normalität wird - und an vielen Stellen schon geworden ist.

Unterschiedliche Lehr-Lern-Formate, die im Kontext der Ganztagsschule große Bedeutung haben, müssen daher in allen Bereichen des Lehramtsstudiums, vor allem in den Bildungswissenschaften, Fachdidaktiken und Praxisphasen, fest verankert sein und sich idealerweise wie ein roter Faden durch das gesamte Studium ziehen. Zudem sind Zertifikatskurse, die Lehramtsstudierende für die professionelle Arbeit in diesem Bildungskontext qualifizieren, eine gute Möglichkeit, Grundlagenwissen und Grundkompetenzen im Bereich Ganztagsschule zu vermitteln. Das Lehramtsstudium und die zweite Phase der Lehrerbildung (Vorbereitungsdienst bzw. Referendariat) müssen den Grundstein für eine erfolgreiche Berufsausübung legen. Das bedeutet, dass Wissen über und Kompetenzen zur aktiven (Mit-)Gestaltung der Ganztagsschule vermittelt und ein erweiterter Bildungsbegriff, der im Kontext Ganztagsschule zum Tragen kommt, zu Grunde gelegt werden müssen. Der Austausch zwischen Hochschule und Schule sollte außerdem intensiviert werden, damit die Schulwirklichkeit von gut ausgebildeten Lehrkräften, aber auch das Lehramtsstudium von der Praxisexpertise profitieren kann.

"Man kann Lehrkräften mangelnde Bereitschaft, Bildung ganztägig zu gestalten und ein erweitertes Bildungsverständnis, das über den reinen Unterricht hinausgeht, zu leben, nicht zum Vorwurf machen, wenn sie in der Aus- und Weiterbildung nicht mit Fragen der Ganztagsschule konfrontiert werden. Weil vieles von der Bereitschaft der Lehrkräfte abhängt, sich auf ein neues Konzept von Schule einzulassen, müssen diese Fragen bereits im Lehramtsstudium thematisiert werden."

Prof. Dr. Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts
Praxisbeispiel
Das Zertifikat "Pädagogik der Ganztagsschule" an der Pädagogischen Hochschule Freiburg ist ein Kooperationsprojekt der Institute für Erziehungswissenschaft der PH Freiburg und der Universität Freiburg, das zukünftige Lehrkräfte für die besonderen Aufgaben der Ganztagsschule professionell vorbereiten soll. Studierende lernen dort, was Bildung über den ganzen Tag bedeutet, wie Schule mit außerschulischen Partnern kooperiert und wie Lehrkräfte an Ganztagsschulen auf Heterogenität im Klassenzimmer reagieren sollen.

3. Den notwendigen Mentalitätswandel schon im Lehramtsstudium vorantreiben!

Die Hochschulen müssen veralteten Vorstellungen hinsichtlich des Lehrberufs aktiv entgegenwirken. Das Lehramtsstudium muss bei Lehramtsstudierenden eine grundsätzlich offene Haltung zur Ganztagsschule schaffen und sie dafür sensibilisieren, dass die Ganztagsschule Realität ist und die Vorherrschaft der reinen halbtägigen Unterrichtsschule der Vergangenheit angehört. Das Lehramtsstudium als erste Phase der Lehrerbildung muss in besonderem Maße die Bereitschaft, Bildung über den ganzen Tag zu ermöglichen und zu gestalten, unter den Lehramtsstudierenden fördern.

Eine adäquate Anpassung des eigenen Rollenbildes angehender Lehrkräfte setzt eine Kenntnis der Schulwirklichkeit sowie darauf aufbauend eine Reflexion des Berufsbildes voraus. Praxiserfahrungen im Ganztagskontext für alle Lehramtsstudierenden sind also zwingend notwendig. Durch begleitete Praxisphasen und durch das Mitdenken der Professionalisierung für die Ganztagsschule im gesamten Lehramtscurriculum sollten Räume für die nötige individuelle Reflexionsleistung geschaffen werden. Solange noch nicht allerorts Praktika an Ganztagsschulen ermöglicht werden können, sollten Praxiserfahrungen an Halbtagsschulen mindestens aber im Rahmen der Vorbereitungs-, Begleit- und Nachbereitungsveranstaltungen vor dem Hintergrund der Ganztagsschulform reflektiert werden. Bei vielen der Kompetenzen, die für die Ganztagsschule relevant sind, handelt es sich, wie dargestellt, nicht um grundsätzlich andere als die, die bereits für die Halbtagsschule und deren klassische Unterrichtskonzepte relevant sind. Der Umgang mit Vielfalt, die individuelle Förderung und Kompetenzen zur pädagogischen Diagnostik sind bereits gut in den Curricula verankert. Hinzu treten jedoch Kompetenzen, die tatsächlich im engeren Sinne "ganztagsspezifisch" sind, wie z.B. das Wissen um Rhythmisierungskonzepte oder die Fähigkeit von Lehrkräften, auch außerunterrichtliche Bildungsangebote zu unterbreiten. Diese spezifischen Kompetenzen müssen im Studium thematisiert werden. Die gezielte Abordnung von Ganztagsschullehrkräften an die Hochschulen würde es zusätzlich ermöglichen, Praktiker mit Ganztagserfahrungen in die universitäre Lehre einzubinden. Sie sollte daher von allen Beteiligten gefördert werden.

"Die erste Phase der Lehrerbildung stellt die Weichen für die spätere Schulpraxis. Die, die heute studieren, werden mehrheitlich an einer Ganztagsschule unterrichten. Also muss sich die Lehrerbildung konsequent an den dort relevanten Anforderungen orientieren. Das heißt, gemeinsame Lehrformate verschiedener pädagogischer Professionen, Raum zur Reflexion der eigenen Rolle und die Vermittlung von Kompetenzen zur Gestaltung des Ganztags müssen flächendeckend Eingang in das Lehramtsstudium finden."

Dr. Jörg Dräger, Mitglied des Vorstandes der Bertelsmann Stiftung

"Ich denke nicht, dass es um eine weitere Überfrachtung der Lehramtscurricula mit konkreten Fachinhalten gehen sollte, sondern dass man vielmehr die Aufteilung der Studieninhalte zwischen Fach, Fachdidaktik und Bildungswissenschaften nochmal neu zur Debatte stellen muss, wenn man so etwas wie eine pädagogische Grundhaltung ausbilden will."

Prof. Dr. Falk Radisch, Direktor des Instituts für Schulpädagogik und Bildungsforschung an der Universität Rostock
Praxisbeispiel
Im Projekt "MuTiG: Kompetent kooperieren - gemeinsam soziales Lernen fördern (Lehramt und Soziale Arbeit)" der Universität Kassel, das im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung gefördert wird, erhalten Studierende des Lehramts und der Sozialen Arbeit bereits im Studium die Gelegenheit, gemeinsam zu lernen und kooperativ in der Schule zu arbeiten.

4. Professionelle Teamarbeit schon im Lehramtsstudium zum Standard machen!

Die Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams als Teil der Schulwirklichkeit muss eingeübt werden. Teamarbeit sollte daher fester Bestandteil des Lehramtsstudiums sein, sie sollte in Lehrveranstaltungen thematisiert und in Praxisphasen erprobt werden. Wissen über und Wertschätzung für andere in der Schule tätige Professionen sollte durch gemeinsame Lehr- und Prüfungsformate, wie beispielsweise im Projekt MuTiG an der Universität Kassel, oder durch verpflichtende außerschulische Praktika in weiteren pädagogischen Handlungsfeldern gefördert werden. Das Lehramtsstudium kann einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, dass Teamarbeit als Gewinn und nicht als Belastung empfunden wird. Gelingt es, Lehramtsstudierenden die Vorteile des Miteinanders mit Erziehern, Sozialpädagogen, Sozialarbeitern und Psychologen aufzuzeigen und selbst erfahren zu lassen, bauen sich hier mögliche Berührungsängste und Vorbehalte ab. Im Rahmen der Praxisphasen sollten also verstärkt weitere pädagogische Professionen einbezogen werden, wie es an einigen Hochschulstandorten schon praktiziert wird.

"Ich halte es für sehr wichtig, die vielerorts aufrechterhaltene Trennung von Lehramtsstudium und weiteren pädagogischen Studiengängen, wie etwa Sozialpädagogik oder außerschulische Bildung, zumindest teilweise aufzuheben. Die Studierenden sollten die Gelegenheit erhalten, bereits im Studium mit den verschiedenen an Ganztagsschulen beteiligten Professionen in Kontakt zu kommen. Dazu zählt auch die Konfrontation mit unterschiedlichen Bildungsverständnissen und Zielsetzungen. Von anderen Professionen zu lernen und zu sehen, wie sie sich ergänzen können, ist etwas, das man schon früh im Studium anlegen sollte. Denn nur so kann sich auch das gesellschaftliche Bild der Lehrkraft wandeln."

Prof. Dr. Natalie Fischer, Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt "Soziale Beziehungen in der Schule" an der Universität Kassel

"Wenn man über die Verankerung von Multiprofessionalität nachdenkt, ließen sich durchaus Seminarreihen denken oder konzipieren, zu denen man mindestens teilweise, wenn nicht sogar systematisch über die ganze Zeit dieser Seminare hinweg, die anderen Professionen dazu nimmt und Multiprofessionalität nicht nur als Gebilde vermittelt, sondern tatsächlich auch im Seminar lebt."

Prof. Dr. Falk Radisch, Direktor des Instituts für Schulpädagogik und Bildungsforschung an der Universität Rostock

"Der multiprofessionellen Kooperation kommt nach Auffassung aller Länder im Umgang mit Heterogenität und Vielfalt eine Schlüsselrolle bei der Sicherung der Qualität schulischer Bildung zu. Die dazu erforderlichen Kompetenzen müssen in der Ausbildung und in der Fort- und Weiterbildung systematisch angelegt werden. Sicherlich können wir in der ersten Phase der Lehrerbildung nicht alle Kompetenzen umfassend grundlegen, die Lehrkräfte später in ihrer beruflichen Praxis benötigen. Hier kommt den schulpraktischen Studien eine besondere Bedeutung zu. Praxisbezug im Studium hängt vor allem davon ab, wie planmäßig ausgewählte Themen in diese Studien einbezogen werden und ob die Betreuung der Studierenden in den Praxisphasen vor Ort reflexiv ausgerichtet ist. Hier sollten erste Möglichkeiten für Studierende geschaffen werden, Erfahrungen in heterogenen Lerngruppen zu sammeln und ein Verständnis für die dort erforderlichen Kompetenzen zu erhalten."

Dr. Susanne Eisenmann, Präsidentin der Kultusministerkonferenz
Praxisbeispiel
Aufbaumodul "Arbeiten in multiprofessionellen Teams/Settings (AMT)" an der Justus-Liebig-Universität Gießen
Inhaltlicher Kern des Moduls sind die Themen Ganztagsschule, sichere Schule (inkl. sexuelle Gewalt), Inklusion und Interkulturelle Kompetenzen. Die Universität Gießen nutzt für dieses Modul bereits vorhandene Forschungsschwerpunkte in diesen Bereichen sowie eine bereits bestehende Zusammenarbeit zwischen Schulpädagogik und außerunterrichtlicher Bildungsforschung.