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Monitor Lehrerbildung

© 2015 | Bertelsmann Stiftung, CHE Gemeinnütziges Centrum für Hochschulentwicklung, Deutsche Telekom Stiftung, Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V.

Berufsschule

Wie kann die Lehrerbildung in den gewerblich-technischen Fächern attraktiv und zukunftsorientiert gestaltet werden?

1. Bekanntheitsgrad und Image des Lehramtes für berufliche Schulen durch gezielte Werbemaßnahmen verbessern!

Solange die Option des Lehramtes an beruflichen Schulen weithin unbekannt bleibt oder mögliche Kandidaten sie für nicht erwägenswert halten, können auch substanzielle Reformen wenig ausrichten. Daher bedarf es dringend einer bundesweiten und langfristig angelegten Informations- und Imagekampagne, an der sich alle Akteure der Lehrerbildung sowie der schulischen und betrieblichen Berufsbildung beteiligen. Eine solche Marketingoffensive, beispielsweise durch spezielle Webauftritte oder Vernetzungsaktivitäten zwischen Schulen, Hochschulen, Studienseminaren, Betrieben und der Politik könnte dazu beitragen, das gesellschaftliche Bild der Lehrkraft an beruflichen Schulen zu ändern, damit der Beruf das Ansehen und die Wertschätzung erfährt, die dem komplexen Anforderungsfeld entsprechen.

Aussichtsreiche Zielgruppen einer solchen Kampagne sollten gezielt und genderspezifisch angesprochen werden. Gerade an beruflichen Schulen, die höhere Bildungsabschlüsse verleihen und deren Abgänger unmittelbar ein Studium aufnehmen können, sollte intensiv für das Lehramt geworben werden. Eine stärkere Vernetzung und ein intensiverer Austausch zwischen beruflichen Schulen und Hochschulen könnten so die Rekrutierungsbasis für das Lehramt erweitern. Eine breit angelegte Werbekampagne für das Lehramt sollte jedoch nicht nur auf die Erhöhung der Studierendenzahlen abzielen. Sie muss zwingend mit Reformen der Lehramtsausbildung unterfüttert sein, die langfristig die Studierbarkeit und damit den Studienerfolg sowie die Attraktivität des Studiums und des Berufsbildes verbessern.

"Die Laufbahn im wissenschaftlichen Lehramt ist kein Abstellgleis gescheiterter Ingenieure oder gescheiterter Studierender der Ingenieurwissenschaften! Im Gegenteil, durch das Zweifachprinzip und das integrierte Studium der Bildungswissenschaften erfordert das Studium der Technikpädagogik oder Ingenieurpädagogik deutlich mehr Engagement und Flexibilität von den Studierenden. Nur wenn das Image des Berufs der wissenschaftlichen Lehrkraft in der Gesellschaft aufgewertet wird, werden auch mehr gute und sehr gute Schulabgänger diesen Berufsweg ins Auge fassen."

Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Coenning, Studiengangsleiter der Ingenieurpädagogik, Hochschule Esslingen

2. Das Lehramt in den gewerblich-technischen Fächern an beruflichen Schulen konkurrenzfähig machen!

Das Lehramt in den gewerblich-technischen Fächern muss eine gleichwertige, konkurrenzfähige Alternative zum Ingenieurberuf darstellen. Dazu ist es unter anderem notwendig, schneller attraktive Verdienstmöglichkeiten anzubieten, beispielsweise empfiehlt sich eine deutliche Erhöhung der Vergütung im Vorbereitungsdienst. Bedenkt man, dass Anfänger im Vorbereitungsdienst an den beruflichen Schulen häufig deutlich älter sind als an den allgemeinbildenden Schulen, da sie in vielen Fällen entweder bereits mehrjährige Berufserfahrung und/oder eine verlängerte Studiendauer durch den Umstieg aus einem fachwissenschaftlichen Ingenieurstudiengang hinter sich haben, sind die derzeitigen Verdienstmöglichkeiten im Unterschied zur freien Wirtschaft höchst unattraktiv. Es wäre etwa erwägenswert, die Jahre praktischer Berufserfahrung beim Eintritt in den Vorbereitungsdienst angemessen zu berücksichtigen, damit Umsteiger ins Lehramt, die zuvor in der Wirtschaft tätig waren, nicht wesentlich weniger verdienen.

"Das Lehramt für berufliche Schulen ist etwas für Engagierte, die Menschen prägen und Zukunft gestalten wollen. Es ist tatsächlich in gewisser Weise ein Beruf für ›Berufene‹. Aber es wäre kurzsichtig, wenn Hochschulen und Länder lediglich auf intrinsische Motivation bauen würden. Gute Leute gewinnt und hält man mit guten Bedingungen."

Prof. Dr. Frank Ziegele, Geschäftsführer des CHE Centrum für Hochschulentwicklung

"Alternativ zum grundsätzlich geltenden Zwei-Fach-Prinzip sollte es möglich sein, auch mit nur einer beruflichen Fachrichtung ein grundständiges Lehramtsstudium absolvieren zu können. Die jetzigen KMK-Vorgaben sind in gewisser Weise zynisch, weil von den Studierenden ausnahmslos etwas erwartet wird, das, wenn die Not nur groß genug ist, durch die Einstellungspraxis der Länder regelmäßig unterlaufen wird."

Dr. Volker Meyer-Guckel, Stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes

3. Berufspädagogik und Fachdidaktik der beruflichen Fachrichtungen stärken!

Studierende in den gewerblich-technischen Lehramtsstudiengängen sind aufgrund einer anspruchsvollen Berufsrealität genau wie Lehramtsstudierende der allgemeinbildenden Fächer auf ein anforderungsgerechtes und auf das Berufsziel fokussiertes Lehramtsstudium aus einem Guss angewiesen. Hierzu ist in vielen Hochschulen eine Stärkung der Berufspädagogik und der Fachdidaktiken der beruflichen Fachrichtungen unumgänglich. Ohne eine ausreichende personelle und sächliche Ausstattung der Fachdidaktiken ist eine qualitativ gute Lehrerbildung schwerlich umsetzbar. So sollte nach Möglichkeit die derzeitige Praxis der Zusammenlegung verschiedener Einzeldidaktiken zu einer Bereichsdidaktik für mehrere berufliche Fachrichtungen hinterfragt und gegebenenfalls revidiert werden. Des Weiteren sollte es ein größeres Angebot an fachwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen speziell für Lehramtsstudierende geben.

Da häufig eine geringe Anzahl der Studierenden in den jeweiligen Fachrichtungen dem nötigen Ausbau der Berufspädagogik und Fachdidaktik entgegensteht, sollte in Einzelfällen eine Kooperation verschiedener Standorte oder eine Konzentration des Lehramtsstudiums auf größere Einheiten erwogen werden, um eine kritische Größe zu erreichen, die eine entsprechende Ausstattung und fachdidaktisch hochwertige Lehre ermöglicht.

"Lehrkräfte an beruflichen Schulen müssen hochkomplexe technische Sachverhalte vermitteln können. Darauf sollte ihre Hochschule sie vorbereiten. Daher muss eine exzellente fachdidaktische Qualifizierung das unverzichtbare Herzstück des Lehramtsstudiums sein und gegebenenfalls über Zusammenschlüsse mehrerer Hochschulen gewährleistet werden."

Dr. Jörg Dräger, Mitglied des Vorstandes der Bertelsmann Stiftung

"Die Ausstattung der Fachdidaktiken an den Hochschulen muss deutlich verbessert werden. Jede Hochschule benötigt dafür pro beruflicher Fachrichtung derzeit mindestens eine Million Euro, um damit zu beginnen, den Investitionsstau bei der sächlichen Ausstattung zu beseitigen. Angesichts der Bedeutung dieser Ausbildung für die Gesellschaft halte ich dies für eine geradezu lächerliche Summe."

Prof. Dr. Matthias Becker, Professor für die Didaktik der Metalltechnik an der Leibniz Universität Hannover

4. Tragfähige Alternativen zum grundständigen Lehramtsstudium dauerhaft etablieren und Zugangswege zum Lehramt erweitern!

Das grundständige Lehramtsstudium ist faktisch längst nicht mehr der exklusive Zugang ins Lehramt für die gewerblich-technischen Fachrichtungen. Die praktizierten Alternativen stellen in manchen Ländern inzwischen sogar die dominierende Einstiegsvariante dar. Sie sollten daher als gleichwertige Ergänzung des grundständigen Studiums etabliert werden. So können attraktive Alternativen geschaffen werden, um den steigenden Lehrkräftebedarf mit qualifiziertem Personal zu decken. Eine Verstetigung des Quereinstiegs muss allerdings, damit qualifiziertes Personal überhaupt entwickelt werden kann, zwingend mit Maßnahmen der Qualitätssicherung einhergehen. Diese sind bislang noch nicht ausreichend berücksichtigt. Nur so kann Gleichwertigkeit zum grundständigen Ansatz und damit ein gleichbleibend hoher Qualitätsstandard der beruflichen Lehrerbildung in Deutschland sichergestellt werden. Nur eine vollwertige Ausbildung mit fachlichen, fachdidaktischen, pädagogischen und berufspraktischen Kompetenzen ermöglicht es Berufseinsteigern, das anspruchsvolle Aufgabenfeld auch zu meistern. Die Einstellung von Seiteneinsteigern ohne Sicherstellung einer ausreichenden pädagogisch-didaktischen Nachqualifizierung muss schnellstmöglich beendet werden.

Vielversprechender erscheint der qualitätsgesicherte Quereinstieg. Konkret sollten also Quereinstiegsmasterstudiengänge für Absolventen ingenieurwissenschaftlicher Studiengänge massiv ausgebaut werden. Möglichkeiten, den Vorbereitungsdienst berufsbegleitend oder in einem integrierten Modell zusammen mit dem Masterstudium zu absolvieren, sollten dringend geschaffen werden. An vielen Hochschulstandorten wurden bereits entsprechende Modelle eingeführt oder sind derzeit in Planung. Insbesondere Kooperationsverbünde zwischen Fachhochschulen, die Ingenieure ausbilden, und Universitäten, die auf einem ingenieurwissenschaftlichen Bachelorabschluss aufbauend einen Master of Education ermöglichen, tragen zur Rekrutierung geeigneter Kandidaten bei. Durch solche Maßnahmen würde auch die Rekrutierungsbasis für das gewerblich-technische Lehramt erweitert und der Beruf für ausgebildete Ingenieure – auch Absolventen von Fachhochschulen – oder auch Techniker und Meister interessant. Bei der Gewinnung nicht-traditioneller Studierendengruppen gilt es jedoch zu berücksichtigen, dass gegebenenfalls spezielle Angebote an den Hochschulen unterbreitet werden müssen, um die Studierfähigkeit sicherzustellen. Eine verlängerte und flexibel gestaltete Studieneingangsphase, z.B. mit Brückenkursen, oder spezielle Mentoring-Programme zur Studienbegleitung wären hier denkbar.

Praxisbeispiel:
Master Berufliche Bildung Integriert an der Technischen Universität München
Der Studiengang richtet sich sowohl an Bachelor- als auch an Masterabsolventen ingenieurwissenschaftlicher Studiengänge der Fachgebiete Metalltechnik, Maschinenbau, Fahrzeugtechnik, Elektro- und Informationstechnik oder vergleichbarer Studiengänge. Die Studierenden absolvieren das lehramtsbezogene Masterstudium und den Vorbereitungsdienst in einem integrierten Modell und haben so die Möglichkeit eines strukturierten Quereinstiegs ins Lehramt für die gewerblich-technischen Fächer. Das Vollzeitstudium umfasst sechs Semester.
http://bit.ly/2hQTBpZ
Praxisbeispiel:
Q-Master an der Technischen Universität Berlin
Für die Fächer Elektrotechnik und Informationstechnik hat die TU Berlin einen Quereinstiegs-Masterstudiengang eingerichtet, der Ingenieuren den Weg ins Lehramt eröffnet. Ein Praxissemester ist in den Studiengang integriert. Nach Abschluss des Studiums sind die Zugangsvoraussetzungen für den Vorbereitungsdienst an beruflichen Schulen erfüllt. Das Studium ist in Voll- und Teilzeit möglich. Als Vollzeitvariante umfasst es vier Semester.
http://bit.ly/2yxgBVk

"Um dem akuten Lehrermangel im gewerblich-technischen Bereich entgegenzuwirken, halte ich es für sinnvoll, neue Studierendengruppen für das Lehramtsstudium zu erschließen. Hierzu gehören vor allem beruflich qualifizierte Personengruppen, also zum Beispiel Techniker und Meister, denen man ein berufsbegleitendes Studium ermöglichen sollte. Spezielle Mentoring-Programme sollten darüber hinaus darauf abzielen, die Abbruchquoten im gewerblich-technischen Lehramtsstudium zu reduzieren und die Studierenden durch gute Betreuung im jeweiligen Studiengang zum Abschluss zu führen."

Prof. Dr. Dietmar Frommberger, Professor für Berufs- und Wirtschaftspädagogik an der Universität Osnabrück

"Speziell in den Mangelfächern wird wohl die Vorstellung des grundständigen Lehramtsstudiums als einzige Instanz zur Deckung des Bedarfes aufgegeben und das Rekrutierungsfeld nachhaltig für Aspiranten erweitert werden müssen, die erst in einer späteren Phase ihrer beruflichen Laufbahn das Lehramt an beruflichen Schulen für sich als attraktive Perspektive entdecken. Faktisch war dies nämlich schon immer der Fall. Es gibt bislang keine empirische Evidenz, die das grundständige Erststudium als Königsweg auszeichnet. Es sollte allerdings – auch angesichts der sich abzeichnenden Entwicklungen in der Berufs- und Arbeitswelt – auf keinen Fall vom Anspruch einer wissenschaftsbasierten Ausbildung abgerückt werden."

Prof. Dr. Birgit Ziegler, Professorin für Berufspädagogik mit dem Schwerpunkt Berufsbildungsforschung, Didaktik beruflicher Bildung und Professionalisierung von Lehrenden an der Technischen Universität Darmstadt