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Monitor Lehrerbildung

© 2015 | Bertelsmann Stiftung, CHE Gemeinnütziges Centrum für Hochschulentwicklung, Deutsche Telekom Stiftung, Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V.

Mobilität

Wie kann Mobilität verbessert werden?

Erfolgsfaktor 1: Singuläre Sonderwege der Länder minimieren!

Eine Stärke des Föderalismus' ist es, dass von den Ländern unterschiedliche Lösungswege in Bezug auf aktuelle Herausforderungen beschritten werden können. Wenn die Vielfalt der Lösungswege aber selbst zum Problem wird, da sie Übergänge und Binnenmobilität be- oder sogar verhindert, ist es an der Zeit, einen weitgehenden Konsens bezüglich grundlegender struktureller Fragen herbeizuführen. Es ist schwer begründbar, warum man in manchen Ländern eine Unterrichtsbefähigung für eine Schulform erwerben kann, die es in kaum einem anderen Land überhaupt gibt. Wenigstens in Fragen der Schulformen bzw. Lehramtstypen sowie wählbarer Fächerkombinationen sollten singuläre Sonderwege der Länder minimiert werden. Die Vielfalt in den einzelnen Hochschulprofilen in Bezug auf Inhalte und Ausgestaltung des Lehramtsstudiums sollte allerdings erhalten bleiben.

"Ebenso wie der Ausbau der Ganztagsschulen oder die Inklusion ist auch die Lehrerausbildung eine Aufgabe von nationaler Bedeutung. Statt sich je nach aktuellem Bedarf in manchen Jahren die Lehrerinnen und Lehrer gegenseitig abzuwerben und in anderen Jahren neue Hürden für Umzügler aufzubauen, sollten die Länder sich auf bundesweite Standards verständigen: Das gilt besonders für die grundlegende Organisation des Lehramtsstudiums, die gegenseitige Anerkennung der Studienabschlüsse und den unüberschaubaren Dschungel an Schulformen. Mehr als 100 verschiedene Typen von Sekundarschulen lassen sich jedenfalls nicht durch die Vielfalt der Kinder, sondern nur durch die Unterschiedlichkeit der Politik erklären."

Dr. Jörg Dräger, Mitglied des Vorstandes der Bertelsmann Stiftung

Erfolgsfaktor 2: An übergeordneten Qualifikationszielen statt an einzelnen Studieninhalten orientieren!

Eine regelhafte gegenseitige Anerkennung der Studienabschlüsse der Länder und Hochschulen ist entscheidend für eine erleichterte Binnenmobilität. Hier ist es ratsam, sich an eine der Grundideen des Bologna-Prozesses zu erinnern: Durch die Einführung des Bachelor-
Abschlusses sollte eine einheitliche Hauptaus- und -umstiegsmöglichkeit geschaffen werden. Dabei ist es entscheidend, sich an übergeordneten Qualifikationszielen statt an einzelnen Studieninhalten zu orientieren. Hier ist eine Gesamtbetrachtung und -bewertung sinnvoll, kein schematischer Detailvergleich einzelner Module und deren Inhalte. Es läuft der Intention des Bologna-Prozesses zuwider, wenn nun kleinteilige Zulassungsbedingungen struktureller oder inhaltlicher Art die intendierte Übergangsnormierung aushebeln. Hier sollte eine Einigung zwischen den Ländern hergestellt werden, ungeachtet inhaltlicher oder struktureller Unterschiede der jeweiligen Bachelor-Studiengänge den Bachelor-Abschluss als Zwischenabschluss anzuerkennen und ein Weiterstudium (ggf. mit der Auflage, gewisse wirklich unverzichtbare Elemente im Verlauf des Masterstudiums nachzuholen) zu ermöglichen. Für einen Wechsel mit einem Bachelor-Abschluss in einen grundständigen Lehramtsstudiengang mit Abschluss Erstes Staatsexamen sollte eine klare Einstiegsstelle (Einstiegssemester) definiert werden. Ebenso sollte der Master of Education wie das Erste Staatsexamen länderübergreifend als gleichwertig behandelt werden.

"Viele Hochschulen haben über diffizile Zugangsregelungen in die Masterstudiengänge verkappte Landeskinderklauseln aufgebaut. Hier muss gelten: Ein Bachelor ist ein Bachelor! Der Schulartbezug muss stimmen, aber die Studierenden dürfen nicht unter verschiedenen Studiengangsmodellen leiden. Deshalb muss Nachstudieren von bestimmten Modulen möglich sein, um die Mobilität zwischen verschiedenen Universitäten zu ermöglichen."

Dr. Martin Jungwirth, Geschäftsführer des Zentrums für Lehrerbildung der Universität Münster

"Die Sicherung der Anerkennungs- und Anschlussfähigkeit der Lehrerbildungsmodelle der Länder/Hochschulen darf nicht auf eine inhaltliche ‘Monokultur` hinauslaufen. Die Vielfalt an Schwerpunkt - setzungen und unterschiedlichen Profilen, z.B. in den Fachwissenschaften, ist ja zumeist auch ein Mobilitätsargument für Studierende. Deshalb sollten wir Studienleistungen und -abschlüsse bei einem Hochschul- oder Landeswechsel nicht zu detailliert unter die Lupe nehmen, sondern Standards anwenden, die in der Gesamtbetrachtung und -bewertung die Qualität der Lehrerbildung sichern."

Birgit Weyand, Geschäftsführerin des Zentrums für Lehrerbildung der Universität Trier

Erfolgsfaktor 3: Studierende und Absolventinnen und Absolventen aus anderen Ländern »einfädeln«!

Wie dargestellt, schreiben die Länder bzw. Hochschulen bestimmte Kerninhalte in verschiedenem Umfang oder zu verschiedenen Zeitpunkten (im Bachelor oder im Master) vor. Eine Verständigung aller Akteure, was zu welchem Zeitpunkt in welchem Umfang erbracht werden muss, ist wohl kaum erwartbar und im Hinblick auf unterschiedliche Hochschulprofile auch nicht sinnvoll. Sinnvoller erscheint es, Studierende aus anderen Hochschulen und Ländern großzügig »einzufädeln«. Dies kann geschehen, indem man regelhaft Möglichkeiten vorsieht, entscheidende Studienelemente (Bildungswissenschaften, Fachwissenschaften, Fachdidaktik, Praktika, Auslandsaufenthalte, Sprachkenntnisse, Pflichtmodule etwa zur Inklusion), die im Zielland bereits zuvor verpflichtend waren, nachzuholen und ggf. mit zusätzlichen Leistungspunkten zu honorieren. Andererseits sollten natürlich auch Studienleistungen, die im Herkunftsland früher als im Zielland vorgesehen erbracht wurden, großzügig anerkannt werden. Hierfür sollten seitens der Länder verbindliche Regelungen getroffen und angewendet werden.

"Wie wäre es – wenn die größere politische Lösung noch etwas auf sich warten lässt – mit der Einrichtung einer Schiedsstelle in der KMK für Absolventinnen und Absolventen, die nicht nachvollziehen können, warum ein Land sie nicht zum Vorbereitungsdienst zulässt? Die Expertinnen und Experten einer solchen niederschwelligen Anlaufstelle könnten dann pragmatisch und lösungsorientiert anhand der KMK-Vereinbarungen zwischen abgelehnten Absolventinnen und Absolventen und Entscheidungsträgern (Ministerien etc.) des Ziellandes moderieren und vermitteln."

Dr. Yoshiro Nakamura, geschäftsführender Leiter des Zentrums für Lehrerbildung der Universität Osnabrück

"Die Studierenden müssen die Sicherheit haben, dass ihre Studienleistungen und -abschlüsse an anderen deutschen Hochschulen als gleichwertig anerkannt werden. Eine konsequente Umsetzung der Bologna-Instrumente wäre dafür hilfreich, denn die Vorgaben der Bologna-Reform sind eindeutig: Es kommt auf die erworbenen Kompetenzen und nicht auf den Input an. Damit die Hochschulen keinen Bewerber wegen „Inkompatibilitäten“ ablehnen müssen, sollten die Studienleistungen deshalb kompetenzorientiert angerechnet und bei vorhandenen Lücken studienkompatibel nachgeholt werden können. Wenn man die Hochschulen dazu verpflichtet, sollte der Wechsel an eine andere Hochschule auch kein Problem sein."

Dr. Ekkehard Winter, Geschäftsführer der Deutschen Telekom Stiftung

Erfolgsfaktor 4: Verlässliche Regelungen statt bedarfsorientierter Einzelfallsteuerung schaffen!

Fachspezifische Einzelfallsteuerung, die je nach Bedarf die Anerkennung von Studienabschlüssen anderer Länder erleichtert oder erschwert, führt nicht nur zu Intransparenz, mangelnder Verlässlichkeit und Willkür, sondern unter Umständen auch zu Qualitätseinbußen bei Mangelfächern. Sie sollte abgelöst werden durch generelle, verlässliche und transparente Regelungen der Einstiegsmöglichkeiten für Absolventinnen und Absolventen anderer Länder in den Vorbereitungsdienst.

"Meine These: Sobald ein Land Mangelfächer besitzt, pfeift es auf restriktive Regelungen und macht den Laden auf. Sobald ein Land die eigenen Absolventinnen und Absolventen nicht mehr unterbekommt, macht es die Schotten wieder dicht."

Prof. em. Dr. Klaus Klemm, Universität Duisburg-Essen

Erfolgsfaktor 5: Verzahnung der unterschiedlichen Phasen der Lehrerbildung sichern!

Durch die drei Phasen (Hochschulstudium, Vorbereitungsdienst, Fort- und Weiterbildung) sind an der Lehrerausbildung verschiedene Institutionen beteiligt, die unterschiedliche Kulturen besitzen und unterschiedliche Aufgaben innehaben. Um eine strukturelle und inhaltliche Anschlussfähigkeit gewährleisten zu können, ist eine enge Verzahnung der Phasen wichtig. Diese enge Verzahnung der verantwortlichen Akteure nutzt in erster Linie den Studierenden des jeweiligen Landes, ermöglicht aber durch größere Klarheit der Schnittstellen, Vorbedingungen, Erwartungen und nicht zuletzt der Abstimmungsprozesse auch ein leichteres »Einfädeln« wechselwilliger externer Studierender sowie Absolventinnen und Absolventen. Diese Verzahnung kann u.a. über schriftlich fixierte Kooperationsvereinbarungen, curriculare Absprachen oder durch Modularisierung des Vorbereitungsdienstes (wie es z.B. in Rheinland-Pfalz der Fall ist) gelingen, so dass die Module inhaltlich weitergeführt werden können bzw. anschlussfähig sind.

Bei der Befragung im Rahmen des Monitors Lehrerbildung gaben fünf Länder an, dass in ihrem Fall kein formalisierter, regelmäßiger Austausch der Beteiligten zur Koordination der ersten zwei Phasen der Lehrerbildung auf Länderebene stattfindet. In zehn Ländern gab es
keine schriftlich fixierten Kooperationsvereinbarungen mit anderen Akteuren zur Koordination der ersten zwei Phasen der Lehrerbildung. (Detaillierte Ergebnisse sind unter dem Thema Kohärenz und Verzahnung der Phasen einsehbar).
An 65,6 % der Hochschulen findet ein formalisierter regelmäßiger Austausch der Beteiligten statt, schriftlich fixierte Kooperationsvereinbarungen gibt es an 23 % der Hochschulen. Dies zeigt, dass die Zusammenarbeit der Akteure noch Verbesserungspotential bietet.

"Als Außenstehender muss man sich eigentlich darüber wundern, dass institutionalisierte Verfahren der Koordination und Kooperation zwischen erster und zweiter Phase offenbar noch immer nicht selbstverständlich sind. Wie soll ein systematischer und kohärenter Kompetenzaufbau erreicht werden, wenn Unklarheit – und womöglich auch kein Konsens – darüber besteht, wer wann was zu leisten hat und was ich legitimerweise wann von wem erwarten kann? Entscheidungen darüber, welche bisherigen Ausbildungselemente – mit Blick auf das angestrebte Qualifikationsprofil – anerkannt werden, werden dadurch zu fast beliebigen Einzelfallentscheidungen. Anschlussfähigkeit ist eine unverzichtbare Voraussetzung für eine qualitäts volle Lehrerbildung. Alle beteiligten Institutionen müssen sich daran messen lassen, inwieweit sie dazu beitragen."

Bettina Jorzik, Leiterin des Programmbereichs Lehre und akademischer Nachwuchs beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft

Erfolgsfaktor 6: Transparenz über die verschiedenen Mobilitätsregelungen und -modalitäten in der Lehrerbildung schaffen!

Bis verbindliche Regelungen zur Anerkennung von Studienleistungen und -abschlüssen in Kraft sind, bietet eine größtmögliche Transparenz über die unterschiedlichen landesspezifischen und hochschulspezifischen Herangehensweisen Lehramtsstudierenden und Absolventinnen und Absolventen eine entscheidende Hilfestellung.

Derzeit bieten der Erhebung für den Monitor Lehrerbildung zufolge lediglich vier Länder (Hamburg, Rheinland-Pfalz, Thüringen und Saarland) Lehramtsstudierenden, die in ihr Land wechseln möchten, Informationen bezüglich der Anerkennung der bisherigen Leistungen und
der Kompatibilität der Studiengänge an. (Detaillierte Ergebnisse sind unter dem Thema Mobilität einsehbar). Es wäre ratsam, an zentraler Stelle Studieninteressierten und Studierenden die zu beachtenden Fragestellungen gut und aktuell aufbereitet anzubieten – auch Studierendenberaterinnen und Studierendenberater könnten so Lehramtsstudierenden bessere Informationen für einen Wechsel an eine andere Hochschule/in ein anderes Land zur Verfügung stellen.

"Es gibt bereits klare Empfehlungen, die auf Ebene der KMK als verbindliche Grundstandards eines Lehramtsstudiums und für eine gegenseitige Anerkennung von Studienabschlüssen beschlossen wurden – Warum werden diese nicht durchgehend angewendet? Warum sind diese Beschlüsse an manchen Hochschulen gar nicht bekannt? Wir halten an unserer Hochschule für wechselwillige Studierende, die in einem anderen Land abgelehnt werden oder scharfe Auflagen erhalten, als `Argumentationshilfe´ ein Handout mit den relevanten KMK-Beschlüssen bereit."

Birgit Weyand, Geschäftsführerin des Zentrums für Lehrerbildung der Universität Trier

"Studierende und Absolventinnen und Absolventen müssen bestehende Beschlüsse, Anerkennungsbedingungen, Verfahren und Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner kennen, damit sie ihre Entscheidungen auf einer guten Informationsbasis treffen können. Wenn nun in der Praxis schon so viele verschiedene Varianten und voneinander abweichende Regelungen bestehen, stehen Hoch - schulen und Länder in der Pflicht, wesentliche Faktoren der Mobilität in der Lehrerbildung transparent zu machen."

Prof. Dr. Frank Ziegele, Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung