Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Weiteres dazu finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Monitor Lehrerbildung

© 2015 | Bertelsmann Stiftung, CHE Gemeinnütziges Centrum für Hochschulentwicklung, Deutsche Telekom Stiftung, Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V.

Qualitätsoffensive Lehrerbildung

Wie können nachhaltige Effekte erreicht werden?

Die Kooperationspartner des Monitor Lehrerbildung zu Zielsetzung und Nachhaltigkeit

V.l.: Prof. Dr. Frank Ziegele (Geschäftsführer des CHE Centrum für Hochschulentwicklung), Dr. Volker Meyer-Guckel (stellv. Generalsekretär des Stifterverbandes), Dr. Ekkehard Winter (Geschäftsführer der Deutsche Telekom Stiftung), Dr. Jörg Dräger (Mitglied des Vorstandes der Bertelsmann Stiftung)

Ziegele: Die Projekte der Qualitätsoffensive Lehrerbildung haben ja erst vor kurzem mit der Umsetzung begonnen. Haben Sie schon Effekte der Initiative beobachten können?


Meyer-Guckel: Auf jeden Fall – alleine dadurch, dass es sie überhaupt gibt. Die Qualitätsoffensive hat der Lehrerbildung an den Hochschulen enorme Publizität verschafft und sie dadurch auch in den Fokus der Hochschulleitungen gerückt.

Winter: Die Grundversorgung der Lehramtsstudierenden ist eigentlich Aufgabe der Länder. Die Ausschreibung auch auf Bundesebene war aber sehr richtig, denn mit dieser Initiative geben Bund und Länder der Lehrerbildung zusätzlichen Schub. Dieser Wettbewerb hat dazu geführt, dass die lehrerbildenden Hochschulen eine Stärken-Schwächen-Analyse durchführen mussten. Das ist ein erster Schritt, der Bewegung in das System bringt.

Ziegele: Die in der Ausschreibung adressierten Themen sind doch sehr umfangreich. Werden dort die richtigen Schwerpunkte gesetzt – werden überhaupt Schwerpunkte gesetzt? Gehen vielleicht sogar wichtige Themen unter?

Meyer-Guckel: Die Qualitätsoffensive Lehrerbildung greift so ziemlich alles als förderfähig auf, was seit Jahren, ja, seit Jahrzehnten als Reformbedarf in der Lehrerbildung konstatiert wird. Durch den starken Fokus auf die erste Phase können Qualitätsimpulse für die zweite und dritte Phase in größerem Umfang kaum erwartet werden, wären aber natürlich wünschenswert. Ich vermisse auch einige wichtige Zukunftsthemen wie beispielsweise die digitale Unterstützung von Lern- und Lehrprozessen.

Dräger: In einem Punkt setzt die Qualitätsoffensive aber ein starkes und überfälliges Signal: Bei dem leidigen Thema der länderübergreifenden Anerkennung von Lehramtsabschlüssen und Studienleistungen. Die Verknüpfung der Qualitätsoffensive mit der im Gegenzug erfolgten gegenseitigen Anerkennung war ein kluger Schachzug des Bundes.

Ziegele: Hat eines der geförderten Projekte Sie in irgendeiner Form überrascht oder besonders beeindruckt?

Winter: Nein, die Ausschreibung war so ausgerichtet, dass keine Überraschungen zu erwarten waren. Die Anträge entsprechen den schon 2000 durch HRK und KMK sowie 2001 durch den Wissenschaftsrat festgestellten Desiderata. Wir hätten uns mehr zukunftsgerichtete Projekte gewünscht, die z.B. die Digitalisierung der Hochschulen oder bundesländerübergreifende Verbünde zum Inhalt gehabt hätten. Ebenso vermisse ich Projekte, die sich verstärkt nicht-gymnasialen Lehrämtern widmen.

Meyer-Guckel: Mich hat positiv überrascht, dass einige vielversprechende Projekte gefördert werden, die sich dem Problem des mangelnden Nachwuchses für das Lehramt an berufsbildenden Schulen annehmen. Diese versuchen mit neuen Ansätzen, die Attraktivität dieses Studiums zu steigern und mehr Studierende dafür zu rekrutieren. In der Vergangenheit haben sich die Reformaktivitäten doch überwiegend auf das Lehramt an allgemeinbildenden Schulen konzentriert.

Ziegele: Kommen wir zur Breitenwirkung des Programms: Wie kann erreicht werden, dass die Qualitätsoffensive Effekte über die geförderten Hochschulen hinaus hat? Wie beurteilen Sie die Chancen, dass nicht geförderte Hochschulen von ihr profitieren, genauso wie andere Akteure der Lehrerbildung?

Winter: Wettbewerbe wie dieser sollten die Verbreitung guter Ideen zum Inhalt haben. Unsere Erfahrungen im Hochschulwettbewerb MINT-Lehrerbildung haben gezeigt, dass mit der Einrichtung von Entwicklungsverbünden und einem Coaching-Prozess Initiativen erfolgreich verbreitet werden können. Das ist ja auch in der Qualitätsoffensive entsprechend beabsichtigt. Hier können Synergieeffekte entstehen.

Dräger: Die systematische Vernetzung der Antragssteller und der antragsstellenden Hochschulen mit den übrigen lehrerbildenden Hochschulen ist in Teilen im Programm angelegt. Dieser Ansatz hätte meines Erachtens noch konsequenter genutzt werden können. Auch Kooperationen bei der Antragsstellung mit den Studienseminaren hätten die Ausstrahlungseffekte in die Schulpraxis deutlich ausweiten können. Das wurde aber bedauerlicherweise in der Ausschreibung nicht gefordert.

Ziegele: Nehmen wir einmal an, dass es eine Fortsetzung bzw. Neuauflage des Programms geben wird. Was würden Sie am Verfahren beibehalten und was würden Sie ändern?

Meyer-Guckel: Ich würde mir eine Begrenzung der Förderung auf wenige, herausragende Hochschulen wünschen. Wenn aber, wovon ich ausgehe, daran festgehalten werden soll, dass möglichst viele Hochschulen gefördert werden, würde ich mir ein zweistufiges Antragsverfahren wünschen: Antragsteller reichen zunächst eine Skizze ein und werden auf dieser Grundlage beraten, was sie tun müssen, damit die Voraussetzungen für eine Förderung erfüllt werden. Nach dieser Beratung arbeiten sie dann den finalen Antrag aus, der Grundlage der Förderentscheidung ist. Damit würde die Qualitätsoffensive wirkliche Entwicklungsarbeit leisten.

Dräger: Ich wünsche mir auch mehr Wettbewerb und weniger Gießkanne. Mich stört, dass in der Bewilligung der Königsteiner Schlüssel eine Rolle gespielt hat. Dieser Verteilungsschlüssel basiert auf dem Steueraufkommen und der Bevölkerungszahl. Das widerspricht dem Wettbewerbsgedanken! Außerdem muss bei einer erneuten Initiative bereits in der Ausschreibung eine systematische Stärkung der Zentren für Lehrerbildung bzw. Schools of Education vorgesehen sein. Diese könnten z.B. Mitantragssteller auf Förderung sein und auch die Mittel verwalten.

Winter: In dieser Förderphase hat das Programm keine länderübergreifenden Hochschulverbünde gefördert. Das ist sehr bedauerlich. Ich bin der Auffassung, dass wir das Silodenken der Hochschulen nur überwinden, wenn zukünftig auch länderübergreifende Hochschulkooperationen gefördert werden. Im Übrigen unterstütze ich den wettbewerblichen Gedanken ausdrücklich und halte dessen konsequentere Umsetzung für absolut notwendig.
 
Ziegele: Schauen wir noch einmal in die Zukunft: Alle Projekte sichern, wie in der Ausschreibung gefordert, Maßnahmen zur Qualitätssicherung ihrer Vorhaben zu. Wie wird sich am Ende messen lassen, ob das Programm erfolgreich war?

Dräger: Die Kriterien zur Evaluation wurden erst im Prozessverlauf entwickelt und nicht von vorne herein transparent definiert. Somit fehlten anfangs klar orientierende Vorgaben. Mehr Tiefgang bei Kriterien und Verfahren der angekündigten „Zwischenbegutachtung“ wäre gut. Auch die erforderlichen Maßnahmen der Hochschulen mit Blick auf „prozessbegleitende Qualitätssicherung“ sind sehr offen gehalten – hier hätte ich mir klare Vorgaben gewünscht.

Winter: Das entscheidende Erfolgskriterium ist die Nachhaltigkeit der Projekte.Wichtige Intention des Programms ist es auch, das Ansehen der Lehrerbildung an den Hochschulen zu verbessern. Hier bin ich zuversichtlich. Ich bin allerdings skeptisch, ob durch die Qualitätsoffensive auch das Bild des Lehrerberufs in der Gesellschaft verbessert werden kann – denn die breite Öffentlichkeit erreicht das Programm nicht.

Ziegele: Wenn die Nachhaltigkeit das am Ende entscheidende Erfolgskriterium ist, ist diese aus Ihrer Sicht in dem Programm ausreichend angelegt? Was müsste weiter getan werden, um nachhaltige Effekte zu erzielen?

Meyer-Guckel: Ich möchte einmal eine provokative Antwort wagen: Aus meiner Sicht wird das Thema Nachhaltigkeit in der Förderpraxis überbewertet. Warum begreifen wir Fördergelder nicht als Risikokapital für Experimentierfreude und Innovation?Warum ermutigen wir die Hochschulen nicht, auch riskante Projekte durchzuführen und die Gefahr des Scheiterns einzugehen? Das würde eine ganz andere Entwicklungsdynamik befördern; die omnipräsente Forderung nach Nachhaltigkeit wirkt hier eher kontraproduktiv.

Dräger: Die Qualitätsoffensive hat grundsätzlich das Potenzial, zu einer dauerhaften Verbesserung der Lehrerbildung beizutragen. Im Rahmen der Evaluation sollten die Hochschulen belegen, dass sie nach Ende der Förderphase auch für dauerhafte strukturelle Veränderungen eintreten. Die Evaluationskriterien müssen entsprechend darauf hinwirken. Ein bloßes Beschwören von Nachhaltigkeit reicht jedenfalls nicht aus.