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Monitor Lehrerbildung

© 2015 | Bertelsmann Stiftung, CHE Gemeinnütziges Centrum für Hochschulentwicklung, Deutsche Telekom Stiftung, Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V.

Strategisches Recruitment

Welche Herausforderungen gibt es?

Recruitment erfolgt bisher kaum strategisch.

In Bezug auf Recruiting-Maßnahmen wären in erster Linie die Länder als Arbeitgeber gefordert, jedoch erfolgen von staatlicher Seite bisher kaum (koordinierte) Initiativen, die man als strategisches Recruiting bezeichnen könnte.

Auf Hochschulebene führen lediglich 17 von 65 Hochschulen (26%) mindestens drei der vier genannten Maßnahmen (gezielte Informationskampagnen, Beratungsgespräche, Eignungspraktika und Eignungstests) durch. Keine einzige Hochschule sieht alle diese Instrumente, die zu einem strategischen Recruitingprozess gehören, vor.

Für bislang unterrepräsentierte Zielgruppen existieren zwar, von einigen Hochschulen und Stiftungen initiiert, vereinzelte Förderaktivitäten (beispielsweise Männer für das Grundschullehramt oder Personen mit Zuwanderungsgeschichte), jedoch werden von staatlicher Seite kaum entsprechende Maßnahmen angeregt. Ebenso werden für den Lehrerberuf geeignete Studierende, die ein Fachstudium eines Mangelfachs aufgenommen haben, bislang nicht gezielt für einen lehramtsbefähigenden Masterstudiengang gewonnen.

"Die Prognosen über den zukünftigen Lehrerbedarf sind unsicher, denn die Mittelbereitstellung ist immer auch ein Spielball der Politik. Droht im Landeshaushalt eine Finanzierungslücke, werden Lehrerstellen gestrichen oder ein Einstellungsstopp verordnet. Will ein Land neue Schwerpunkte in der Bildungspolitik setzen, steigt der Lehrerbedarf sprunghaft an."

Dr. Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung

Es gibt keinen verbindlichen Konsens darüber, was eine gute Lehrkraft ausmacht.

Diskussionen zum Recruitment von passenden Lehramtskandidatinnen und Lehramtskandidaten entbehren häufig einer konkreten Definition dessen, was »Eignung für den Lehrerberuf« überhaupt meint. Selbst in der wissenschaftlichen Betrachtung gibt es hierzu keinen Konsens, der von allen Akteuren getragen wird. Doch selbst wenn es diesen gäbe: Strittig ist, welche Facetten von »Eignung« im Rahmen der Lehrerausbildung noch erworben werden können, welche die jeweilige Person bereits mitbringen muss, und ob bzw. wann Eignung valide festgestellt werden kann. Neben einer fehlenden Definition wünschenswerter Eigenschaften (zukünftiger) Lehrkräfte ist auch unklar, welche Auswirkungen diese wirklich auf die Lernenden haben.

Des Weiteren wird häufig unterkomplex diskutiert. So kann es überhaupt nicht das EINE Anforderungsprofil geben; stattdessen müsste vielmehr über eine stärkere Differenzierung pädagogischer Tätigkeiten im Schuldienst (z.B. Optionen für Lehrkräfte zur Spezialisierung und Multiprofessionalität an Schulen) nachgedacht werden1.

Neben den notwendigen Kompetenzen für guten Unterricht, die stellenunabhängig beschrieben werden können, existieren differenzierte individuelle Anforderungen. Ohne Konsens hierüber, entbehren Initiativen, die sich mit der Eignung und dem Recruitment von Lehramtsstudierenden beschäftigen, einer verlässlichen Grundlage.

Die Studierenden erhalten zu wenige Möglichkeiten zur Selbstreflexion.

Es gibt bereits einige Initiativen der Eignungsabklärung, doch wird die individuelle Eignung für den Beruf in vielen Fällen noch kaum geprüft. Das Curriculum des Lehramtsstudiums bietet den Studierenden im Studienverlauf meist nur wenige Gelegenheiten, ihre individuelle Eignung zu reflektieren. Nicht immer findet eine systematische Reflexion der Praxisphasen oder Supervision statt. Dadurch wird das Potential, das praktische Erfahrungen für die Eignungsabklärung besitzen könnten, nicht ausgeschöpft. Durch eine zu späte oder unsystematische Eignungsabklärung erkennen Lehramtsstudierende nicht selten erst sehr spät – manchmal zu spät –, dass sie doch lieber einen anderen Beruf hätten ergreifen sollen oder wollen.

"Abiturienten beziehen sich bei ihrer Entscheidung für oder gegen ein Lehramtsstudium meist nur auf die Beobachtungen aus der eigenen Schulzeit. Ich würde mir wünschen, dass man sie stärker darüber informiert, was Lehrersein wirklich bedeutet. Sie benötigen Möglichkeiten zur Reflexion, inwieweit sie die Voraussetzungen mitbringen, diesen Anforderungen zu genügen."

Prof. em. Dr. Uwe Schaarschmidt, Professor für Persönlichkeits- und Differenzielle Psychologie, COPING – Psychologische Diagnostik & Personalentwicklung, Universität Potsdam

Der Lehrerberuf ist für geeignete Kandidatinnen und Kandidaten häufig nicht attraktiv genug.

In Meinungsumfragen wird der Lehrerberuf zwar stets als eine wichtige und angesehene Profession beschrieben2. Allerdings werden sowohl der Lehrerberuf als auch Lehrkräfte in ihrer Kompetenz, ihrer Persönlichkeit und / oder ihrer Rolle häufig und vor allem medial abgewertet3. Dieses vorherrschende Bild des Lehrerberufs korrespondiert mit einem Bündel an unattraktiven Rahmenbedingungen, wie eine hohe und wachsende Belastung der Lehrkräfte bei zunehmendem Erwartungsdruck von Eltern und Gesellschaft oder als inadäquat empfundene Aufstiegsmöglichkeiten. Dadurch wird das Interesse besonders herausragender Kandidatinnen und Kandidaten an dem Beruf geschwächt; es ist vor diesem Hintergrund schwer bis unmöglich, möglichst viele geeignete Personen für den Lehrerberuf zu gewinnen – auch wenn das negative Image teilweise kaum etwas mit der Wirklichkeit der Arbeitswelt zu tun hat.

"Wir haben große Studien und Zeitungsartikel, die vom ›Horrorjob Lehrer‹ sprechen und die Belastungen hervorheben. Wer will denn dann einen Beruf angehen, der so ein schlechtes Image hat? Jemand, der wirklich fit ist, will sich entwickeln. Wenn bei Lehrkräften Karriereoptionen nicht klar sind, hält das besonders Geeignete davon ab, diesen Weg einzuschlagen."

Dr. Birgit Nieskens, Mitglied im Zentrum für Angewandte Gesundheitswissenschaften (ZAG), Leuphana Universität Lüneburg

"In der Vorstellungswelt vieler Menschen ist die Lehrerexistenz eine Existenz zweiter Güte. Exzellente Mathematiker und Philosophen, die den Lehrerberuf ergreifen, kann man fast an einer Hand abzählen."

Prof. em. Dr. Heinz-Elmar Tenorth, Professor für Historische Erziehungswissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin
  1. Vgl. Gräsel/Mandl (2009): Qualitätskriterien von Unterricht: Ein zentrales Thema der Unterrichts- und der Lehr-Lern-Forschung. In: Apel/Sacher (Hrsg.): Studienbuch Schulpädagogik.
  2. Vgl. Vodafone Stiftung Deutschland (2012): Lehre(r) in Zeiten der Bildungspanik. Eine Studie zum Prestige des Lehrerberufs und zur Situation an den deutschen Schulen in Deutschland. http://bit.ly/QVTPNr .
  3. Vgl. Blömeke (2005): Das Lehrerbild in Printmedien. Inhaltsanalyse von »Spiegel«- und »Focus«-Berichten seit 1990. In: Die Deutsche Schule 97. Heft 1/2005.