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Monitor Lehrerbildung

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Strategisches Recruitment

Wie gewinnen Länder und Hochschulen derzeit geeignete Lehramtsstudierende?

Viele Akteure und viele Schritte sind nötig, um geeignete Personen tatsächlich bis in den Lehrerberuf zu führen. Strategisches Recruiting bedeutet im Falle der Lehrerbildung, dass Hochschulen und / oder Länder sowohl Projekte und Programme zur Rekrutierung von Lehramtsstudierenden als auch Verfahren der Eignungsabklärung systematisch vorsehen – mit dem Ziel, genügend geeignete Kandidatinnen und Kandidaten für den Lehrerberuf zu gewinnen1.

Der Monitor Lehrerbildung erfasst, wo Programme zur Rekrutierung, Beratungsgespräche, Eignungspraktika und Eignungstests (verpflichtend) vorgesehen sind. Dabei gibt es keine bundesweit einheitliche Strategie: Länder und Hochschulen wenden unterschiedliche Maßnahmen zu verschiedenen Zeitpunkten an. Ergebnisse aus dem Monitor Lehrerbildung illustrieren diese Heterogenität.

Einen ersten Einblick in die Größenordnung der zu besetzenden Personallücke erlauben die Prognosen der Kultusministerkonferenz (KMK): Im Jahr 2011 gab es 794.300 hauptberufliche Lehrkräfte, was insgesamt 733.319 Vollzeitstellen entspricht. Bundesweit ist im Zeitraum von 2012 bis 2025 mit einem jährlichen Einstellungsbedarf von durchschnittlich rund 25.800 neuen Lehrerinnen und Lehrern zu rechnen. Darüber hinaus zeigen Berechnungen, dass bis zum Schuljahr 2020/21 allein für die Umsetzung der Inklusion 9.300 zusätzliche Lehrerinnen und Lehrer benötigt werden2. Dabei unterscheidet sich die Problematik unbesetzter Stellen nach Regionen, Schulformen und Fächern: »Für den Sekundarbereich II (allgemeinbildende Fächer) oder für das Gymnasium besteht deutschlandweit in den nächsten Jahren durchgängig ein Überangebot an Lehrkräften. In allen anderen Lehrämtern lassen die Zahlen einen dauerhaften erheblichen Bedarf in den ostdeutschen Ländern (inklusive Berlin) erwarten.«3

Zunächst gilt es, über allgemeine Informationskampagnen möglichst viele in Frage kommende Personen für ein Lehramtsstudium zu interessieren. Darüber hinaus sollten über Verfahren der Eignungsabklärung besonders geeignete Kandidatinnen und Kandidaten identifiziert werden. Alternative Zugangswege für Seiten- und Quereinsteiger ermöglichen die Berücksichtigung geeigneter Kandidatinnen und Kandidaten, die erst über Umwege ihr Interesse für den Lehrerberuf entdecken. Nicht zuletzt sollten aufgrund der heterogener werdenden Schülerschaft bislang unterrepräsentierte Gruppen über eine gezielte Ansprache für das Lehramtsstudium und den Lehrerberuf interessiert werden.

Seiteneinsteiger sind »Lehrkräfte […], die in der Regel über einen Hochschulabschluss, nicht jedoch über die erste Lehramtsprüfung verfügen und ohne das Absolvieren des eigentlichen Vorbereitungsdienstes in den Schuldienst eingestellt werden«4.

Als Quereinsteiger gelten Personen, die kein Lehramtsstudium absolviert haben, aber »vor ihrer Tätigkeit als Lehrer/in den Vorbereitungsdienst bzw. das Referendariat durchlaufen«5.

Nicht nur Länder, sondern auch Hochschulen können Initiativen starten, die über das Lehramtsstudium informieren. An 58% der im Rahmen des Monitors Lehrerbildung befragten Hochschulen gibt es eigene Projekte bzw. Unterstützungsprogramme zum Recruitment von Lehramtsstudierenden. 36% der Hochschulen bieten spezielle Maßnahmen zur Anwerbung bislang unterrepräsentierter Zielgruppen an, wie zum Beispiel das Projekt »Männer und Grundschullehramt« an der Universität Hildesheim oder »MigraMENTOR« an der Humboldt-Universität zu Berlin. Gezielte Projekte, um für die Aufnahme eines Lehramtsstudiums in den MINT-Fächern zu werben, betreiben 67% der befragten Hochschulen.

Informationskampagnen für ein Lehramtsstudium

Einen bundesweiten Überblick darüber, welche Länder Informationskampagnen für ein Lehramtsstudium anbieten können Sie der Grafik entnehmen.

Befunde zur Eignungsabklärung für ein Lehramtsstudium

Neben Informationskampagnen und Projekten zur gezielten Rekrutierung für ein Lehramtsstudium ist die systematische Eignungsabklärung ein weiterer Baustein eines professionellen Recruitment-Prozesses. In diesem Schritt geht es um die Frage, welche Kandidatinnen und Kandidaten als geeignet identifiziert werden können. Im Fokus steht hier also das Matching zwischen dem Anforderungsprofil des Studiums bzw. des Berufs mit dem Kompetenz- und Persönlichkeitsprofil der Interessentinnen und Interessenten.

Sowohl auf Landes- als auch auf Hochschulebene gibt es verschiedene Ansätze, um die Eignung von Bewerberinnen und Bewerbern für das Lehramtsstudium zu prüfen. Diese greifen zu unterschiedlichen Zeitpunkten (vor Zulassung / zu Studienbeginn / während des Studiums) und sind teils verpflichtend und teils fakultativ gestaltet6.
Zu den Maßnahmen gehören7:

  • (Online)Self-Assessments / Eignungstests: Angebote zur Selbsterkundung oder Selektion; es lassen sich zwei Ausrichtungen unterscheiden: solche, die auf den Beruf allgemein zielen (Lehrerpersönlichkeit, Interesse an Berufsaufgaben) und solche, die sich auf einzelne Fächer beziehen.
  • Beratungsgespräche: Begegnungen, die die individuelle Reflexion der persönlichen Einschätzung und individuellen Erfahrung begleitenund durch strukturierende Fragen anregen sollen.
  • Assessment-Center: Auswahlverfahren, in denen Bewerberinnen und Bewerber verschiedene am Berufsalltag oder Studium orientierte Aufgaben / Übungen bewältigen müssen.
  • Praktika zur Eignungsreflexion / Orientierung: Praktika im angestrebten späteren Berufsfeld sollen den Studieninteressierten eine Reflexion über die individuelle Eignung ermöglichen.
  • Portfolios in Kombination mit Praxisphasen: Sammlung der Selbsteinschätzungen zu den eigenen (vorhandenen und fehlenden) Kompetenzen; langfristiger Einsatz soll die eigene Lernbiografie transparent machen und Selbstreflexivität einüben.


Diese Tabelle gibt einen Überblick über die verschiedenen Instrumente, zu welchem Zeitpunkt und in welchen Ländern bzw. an wie vielen Hochschulen sie vorgesehen sind sowie ein jeweiliges Beispiel.

Die Daten des Monitors Lehrerbildung zeigen, dass es in zehn Ländern keine gesetzlichen Vorgaben zur Eignungsabklärung vor Beginn eines Lehramtsstudiums gibt. Ein Eignungspraktikum / Orientierungspraktikum ist in Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz obligatorisch zu absolvieren. Dieses muss jedoch nur in Bayern verpflichtend vor dem Studium abgeleistet werden. Alle während des Lehramtsstudiums abzuleistenden Praktika dienen den Studierenden u. a. dazu, ihre Berufswahl zu überprüfen und ihre Eignung zu reflektieren. In Baden-Württemberg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz ist die Teilnahme an einem (Online)Self-Assessment verpflichtend vorgesehen. In Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz ist die Teilnahme an einem Beratungsgespräch als obligatorisch vorgeschrieben. In Rheinland-Pfalz besteht darüber hinaus das Angebot, an einem freiwilligen Eignungstest teilzunehmen.

Über die Landesvorgaben hinaus können die Hochschulen in eigener Entscheidung zusätzliche Elemente zur Eignungsprüfung einsetzen. Verpflichtende Beratungsgespräche sind an nur 5% der befragten Hochschulen als Zulassungsvoraussetzung festgelegt.

Eignungstests als Zulassungsvoraussetzung werden ebenfalls eher selten als Instrument eingesetzt. Nur etwa die Hälfte der Hochschulen, die auf diese Frage antworteten, sieht einen obligatorischen Eignungstest vor. An circa 12,5% der Hochschulen wird die Teilnahme an einem solchen empfohlen.

Ein verpflichtendes Eignungspraktikum, dessen Dauer variiert, muss lediglich an 3% der Hochschulen bereits vor Studienbeginn absolviert werden. An 39% der Hochschulen kann es, teils differenziert nach studiertem Lehramtstyp, auch noch während des Studiums absolviert werden. An mehr als der Hälfte der befragten Hochschulen (58%) ist kein Eignungspraktikum vorgesehen. In Fachkreisen sind diese Praktika teilweise umstritten: Da die Praktikantinnen und Praktikanten teilweise noch nicht eingeschrieben sind und die Praktika meist vor ihrem Studienanfang liegen, kann eine Betreuung durch die Hochschulen häufig nur schwer erfolgen. Eignungspraktika sollen den Studieninteressierten einen Rollen- und Perspektivwechsel sowie eine Reflexion hierüber erlauben. Durch den zumeist kurzen Abstand zu ihrem Schulabschluss und die oft fehlende Betreuung seitens der Hochschulen ist es fraglich, ob diese Ziele erreicht werden.

Befunde zu Quer- und Seiteneinstiegsregelungen

Die Möglichkeit eines Quer- und Seiteneinstiegs trägt dazu bei, dringend benötigte potentielle Lehrkräfte nicht vorschnell aus formalen Gründen vom Lehrerberuf auszuschließen. Entsprechende Programme dienen dazu, gezielt eine Besetzung von Mangelfächern zu erreichen. Bewerberinnen und Bewerber müssen bestimmte Mindestkriterien erfüllen, wie etwa einen universitären Studienabschluss. Darüber hinaus existieren verschiedene weitere landesspezifische Vorgaben. Beispielhaft muss sich in manchen Ländern aus den Studieninhalten und Prüfungsleistungen ein zweites Unterrichtsfach ableiten lassen8.

2012 wurden laut Kultusministerkonferenz insgesamt 29.968 Lehrkräfte in den öffentlichen Schuldienst eingestellt, wovon 965 Personen Seiteneinsteiger waren. Dies entspricht einem Anteil von 3,2% der Gesamteinstellungen. Die meisten Einstellungen entfielen auf die Fächergruppen der Naturwissenschaften (19%), der Fremdsprachen (17%) und der Mathematik (12%). Allerdings ist der Anteil der Seiteneinsteiger an den Gesamteinstellungen bestimmter Fächer, besonders den MINT-Fächern, wesentlich höher. So haben beispielsweise knapp 50% der gymnasialen Referendarinnen und Referendare mit dem Fach Physik kein Lehramtsstudium absolviert9. Darüber hinaus machen Quer- und Seiteneinsteiger im Berufsschulbereich 58% der Lehrkräfte aus10.

  1. Die Länder haben dazu bereits in 2013 in der Kultusministerkonferenz gemeinsame "Empfehlungen zur Eignungsabklärung in der ersten Phase der Lehrerbildung" (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 07.03.2013) verabschiedet. http://bit.ly/1htmgvZ.
  2. Vgl. Klemm (2012): Zusätzliche Ausgaben für ein inklusives Schulsystem in Deutschland: http://bit.ly/OZNcIu.
  3. Vgl. Kultusministerkonferenz (2013): Lehrereinstellungsbedarf und -angebot in der Bundesrepublik Deutschland. Modellrechnung 2012–2025: http://bit.ly/1iiIPCL.
  4. Kultusministerkonferenz (2013): Einstellung von Lehrkräften 2012: http://bit.ly/PSHQ2S.
  5. CCT - Career Counselling for Teachers: Quer- und Seiteneinstieg in den Lehrerberuf: http://bit.ly/1jzrK8L.
  6. Vgl. Nieskens/Demarle-Meusel (2012): Für den Lehrerberuf geeignet? Eine Bestandsaufnahme zu Eignungsabklärung, Beratung und Bewerberauswahl für das Lehramtsstudium. Hrsg: Deutsche Telekom Stiftung: http://bit.ly/1gJt87w.
  7. Siehe auch: "Empfehlungen zur Eignungsabklärung in der ersten Phase der Lehrerbildung" (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 07.03.2013). http://bit.ly/1htmgvZ.
  8. Vgl. Hüther (2012): Quereinsteiger gesucht?! Lösung für den Lehrermangel. In: Begegnung. Deutsche schulische Arbeit im Ausland 33. Heft 3/2012.
  9. Vgl. Deutsche Physikalische Gesellschaft (2010): Quereinsteiger in das Lehramt Physik – Lage und Perspektive der Physiklehrerausbildung in Deutschland: http://bit.ly/1hFo0iW.
  10. Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (2012): Systematisierung der Lehrerforschung und Verbesserung ihrer Datenbasis: http://bit.ly/PSHZTT.