Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Weiteres dazu finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Monitor Lehrerbildung

© 2015 | Bertelsmann Stiftung, CHE Gemeinnütziges Centrum für Hochschulentwicklung, Deutsche Telekom Stiftung, Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V.

Flexible Wege ins Lehramt

Befunde aus dem Monitor Lehrerbildung

Welcher Lehrkräftebedarf besteht?

Lehrkräfte werden bundesweit gesucht. In ihrer letzten Modellrech­nung aus dem Jahr 2019 konstatierte die Kultusministerkonferenz (KMK) zwar für die kommenden Jahre ein Überangebot an Absol­ventinnen und Absolventen für die allgemeinbildenden Fächer der Sekundarstufe II, in allen anderen Lehrämtern bleibt die Situation jedoch der Prognose zufolge angespannt. Die Bertelsmann Stiftung berechnete bis zum Jahr 2025 allein für die Grundschulen aufgrund steigender Schülerzahlen einen Neueinstellungsbedarf von knapp 105.000 Lehrkräften, wovon knapp 60.000 allein auf den Ersatzbe­darf ausscheidender Lehrkräfte entfallen. Die Befunde des Monitor Lehrerbildung zeigen außerdem schulformübergreifend einen großen Lehrkräftebedarf in den MINT­-Fächern sowie in den Förderschwer­punkten emotionale und soziale Entwicklung sowie Lernen im Lehr­amt für Sonderpädagogik.

Um den Neueinstellungsbedarf allein an Grundschullehrkräften zu decken, bräuchte es jährlich 21.000 Absolventinnen und Absolventen für das Grundschullehramt. Im Jahr 2019 gab es allerdings weniger als 25.000 für alle Lehrämter insgesamt. Der Lehrkräftebedarf kann also durch grundständig ausgebildete Lehrkräfte nicht annähernd gedeckt werden. Die Statistik der Kultusministerkonferenz zeigt wei­terhin, dass sowohl die Anzahl der Lehramtsstudierenden als auch die Anzahl der Absolventinnen und Absolventen seit dem Jahr 2015 rückläufig ist.

Die Bundesländer bemühen sich schon seit einigen Jahren, auch nicht traditionell ausgebildete Lehrkräfte, sogenannte Quer­- bzw. Seiteneinsteiger*innen1, für das Lehramt zu gewinnen. Der Anteil von Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern an den neu einge­stellten Lehrkräften erreichte im Jahr 2018 mit 13,3 Prozent bundes­weit einen neuen Höchststand, eine Versechsfachung gegenüber dem Jahr 2013, als der Anteil 2,4 Prozent betrug. Im Jahr 2019 lag der Anteil in Brandenburg mit über 40 Prozent und Mecklenburg-­Vorpommern mit über 30 Prozent am höchsten.2 Trotz einer seit 2015 rückläufigen Anzahl an Absolventinnen und Absolventen von Lehramtsstudiengängen konnten so die Einstellungen in den Vor­bereitungsdienst stabil gehalten werden, wie die folgende Grafik zeigt.

Lehramtsabsolvent*innen und Neueinstellungen in den Vorbereitungsdienst

Abb. 1: Anzahl der Lehramtsabsolvent*innen und Anzahl der Neueinstellungen in den Vorbereitungsdienst zwischen 2009 und 2019; Quelle: KMK, 2020.

Welche Wege ins Lehramt gibt es?

Neben der traditionellen Lehramtsausbildung, bestehend aus Lehr­amtsstudium und anschließendem Vorbereitungsdienst bzw. Referen­dariat, gibt es auch Einstiegsmöglichkeiten für Quer­- und Seiten­einsteiger*innen. Die Mehrzahl der Bundesländer hat inzwischen, bedingt durch den bundesweiten Lehrkräftemangel, den Zugang zum Lehramt für Schulformen oder Fächer, in denen der Bedarf nicht mit grundständig ausgebildeten Lehrkräften gedeckt werden kann, auch für Personen geöffnet, die entweder ohne ein Lehramts­studium ins Referendariat einsteigen (Quereinstieg) oder ohne jeg­liche lehramtsbezogene Ausbildungsanteile direkt als Lehrkraft eingestellt werden (Seiteneinstieg). Darüber hinaus gibt es Varianten des Quereinstiegs, in denen beispielsweise die Lehrbefähigung für eine andere Schulform erworben werden kann oder bereits während des Studiums von einem fachlich ausgerichteten Bachelorstudium in ein lehramtsbezogenes Masterstudium umgestiegen wird.

Die meisten Bundesländer sehen sowohl die Möglichkeit des Quer­einstiegs in den Vorbereitungsdienst als auch des Seiteneinstiegs in den Schuldienst vor. Einzig Bayern und das Saarland sehen als Son­dermaßnahme nur den Quereinstieg in den Vorbereitungsdienst in ausgewählten Bedarfsfächern oder Bedarfsschularten vor, ein Sei­teneinstieg in den Schuldienst ist aktuell nicht vorgesehen. Grund­sätzlich ist es in 13 der 16 Bundesländer möglich, über entsprechende Qualifizierungsmaßnahmen auch als Seiteneinsteigende eine volle Lehramtsbefähigung zu erhalten.

In der folgenden Systematisierung werden die verschiedenen Wege ins Lehramt erläutert:

A. Grundständiges Lehramtsstudium

Ein grundständiges Lehramtsstudium ist der »klassische« und von der KMK klar präferierte Weg in den Lehrerberuf. Hierbei entscheiden sich die Studierenden bereits zu Studienbeginn für das Berufsziel Lehr­amt und absolvieren ein darauf ausgerichtetes Studium, das gemäß dem Quedlinburger Beschluss der KMK von 2005 von Beginn an und durchgehend lehramtsspezifische Studieninhalte, z. B. Fachdidaktik und Praxisanteile, enthält. Es wird mittlerweile überwiegend als gestuftes Studium mit den Abschlüssen Bachelor3 und Master of Education angeboten, es gibt aber auch noch Staatsexamensstu­diengänge, z.B. in Bayern, Mecklenburg-­Vorpommern und Sachsen.

Einige Bundesländer haben abweichend hierzu und als Sondermaß­nahme zur Gewinnung von Lehrkräften für Schulformen, an denen Nachwuchsmangel besteht, eine besondere Form des Querein­stiegs geschaffen: Absolventinnen und Absolventen eines grund­ständigen Lehramtsstudiums für einen bestimmten Lehramtstypen bzw. für eine bestimmte Schulform können im Rahmen dieser Ein­stiegsvariante ihren Vorbereitungsdienst auch an einer Schulform aufnehmen, für die sie im Rahmen ihres Studiums nicht spezifisch ausgebildet wurden. Das heißt, nach Abschluss eines Lehramts­studiums für das Gymnasium oder die Sekundarstufe I kann der Vorbereitungsdienst dann abweichend an einer Grundschule ab­solviert werden. Diese Möglichkeit besteht derzeit in Bayern und ist zum Jahr 2021 auch in Baden­-Württemberg geplant. 

B. Lehramtsbezug erst im Masterstudium

In dieser Variante entsteht erst nach dem Wechsel in einen Master of Education (M.Ed.) ein Lehramtsbezug und es kommen erst dann bildungswissenschaftliche und fachdidaktische Anteile hinzu. Diese Studienvariante mit rein fachlichen Bachelorstudiengängen, die noch keinen Lehramtsbezug haben, gibt es in der Regel nur noch im Lehramt für die Berufsschulen. In diesem Lehramtstyp gibt es häufig Kooperationen von Fachhochschulen (die beispielsweise in den in­genieurwissenschaftlichen Bachelorstudiengängen ausbilden) mit lehrerbildenden Universitäten (die darauf aufbauende Master of Education­-Studiengänge anbieten). Entsprechende Masterstudien­gänge stehen somit auch Fachhochschulabsolventinnen und ­-ab­solventen offen.

Von 16 Hochschulen, die angaben, »Quereinstiegs­-Masterstudien­gänge« für das Lehramt anzubieten, gaben elf Hochschulen an, dass es solche Studiengänge nach dem zuvor beschriebenen Modell nur für das Lehramt an Berufsschulen und hier fast ausschließlich in den gewerblich-­technischen Fachrichtungen gebe. Mittlerweile gibt es aber vor dem Hintergrund des Lehrkräftemangels an einigen weiteren Hochschulen auch die Möglichkeit, mit einem reinen Fach­-Bachelor über einen entsprechenden Quereinstiegs­-Masterstudiengang die Voraussetzung für den Übergang in den Vorbereitungsdienst an allge­meinbildenden Schulen zu erwerben. Diese Möglichkeit gab es zum Wintersemester 2019/20 allerdings nur an fünf Hochschulen, unter anderem an den Berliner Universitäten.4 Drei weitere Hochschulen planten zum Zeitpunkt der Befragung die Einrichtung solcher Querein­stiegs­-Masterstudiengänge. 42 Hochschulen boten keine derartigen Studiengänge an und es gab auch keine entsprechenden Planungen.

Spezielle Masterstudiengänge für Quereinsteigende

Abb. 2: Gibt es an Ihrer Hochschule spezielle Masterstudiengänge für Quereinsteigende ins Lehramt?

Eine abgewandelte bzw. erweiterte Form der Variante B ist derzeit an einigen wenigen Hochschulen in Planung. Es handelt sich um die Möglichkeit, den Master of Education und das Referendariat in dualer Form zu absolvieren. Solche Planungen bestehen an der TU Berlin, der Universität Flensburg und der Universität Rostock. Ein existierendes Modell dieser Art gibt es bereits an der TU München für das Lehramt an beruflichen Schulen in den gewerblich-­techni­schen Fächern. Durch die duale Form verkürzt sich die Ausbildungs­zeit und die Quereinsteigenden aus den Ingenieurstudiengängen gelangen schneller an die Schulen. In allgemeinbildenden Lehrämtern gibt es eine solche Variante hingegen nicht. 

C. Quereinstieg: Fachspezifisches Studium und Lehramtsbezug erst ab dem Vorbereitungsdienst/ Referendariat

Bei dieser Variante des Einstiegs ins Lehramt schließt sich der Vor­bereitungsdienst an ein fachspezifisches Studium an. Hierfür ist es notwendig, zwei Fachrichtungen studiert zu haben, die im Wesent­lichen zwei schulischen Unterrichtsfächern entsprechen, z.B. Mathe­matik und Germanistik. Das pädagogische Rüstzeug für das Lehramt wird erst in der praktischen Ausbildungsphase erworben. In aller Regel erhalten solche Quereinsteigenden nur dann einen Platz im Vorbereitungsdienst, wenn die verfügbaren Plätze nicht mit Absol­ventinnen und Absolventen grundständiger Lehramtsstudiengänge besetzt werden können. In einigen Mangelfächern, z.B. im MINT­Bereich oder im Lehramt für die Grundschule, kommt dies häufiger vor. Der Vorbereitungsdienst bzw. das Referendariat dauert für Quereinsteigende genauso lang wie für grundständig ausgebildete Lehramtsanwärter*innen.

Die Voraussetzungen, unter denen ein Quereinstieg ins Referendariat möglich ist, werden von den Bundesländern jedes Schuljahr neu ge­prüft. Eine Übersicht, die zeigt, welche Qualifizierungsmodalitäten für diese Einstiegsvariante in den Ländern bestehen, kann hier herunter­geladen werden.

D. Seiteneinstieg in den Schuldienst ohne lehramtsbezogenes Studium und Referendariat

Neben den Quereinsteigenden (Variante C) gibt es auch noch die in einigen Bundesländern immer größer werdende Gruppe der soge­nannten Seiten­- oder auch Direkteinsteigenden, die weder ein Lehramtsstudium noch ein Referendariat absolviert haben, sondern nach einem Fachstudium und anschließender Berufstätigkeit direkt als Lehrkraft angestellt werden. In der Regel haben diese Personen nur ein relevantes Unterrichtsfach im Rahmen ihres Fachstudiums studiert und keine pädagogischen oder fachdidaktischen Ausbil­dungsanteile vorzuweisen. Diese Lehrpersonen werden daher häufig befristet in Bedarfsfächern angestellt, in denen keine Bewerberinnen und Bewerber aus den zuvor genannten Einstiegsvarianten verfüg­bar sind.

Die Länder gehen bei der Qualifizierung dieser Personengruppe sehr unterschiedlich vor. Die bestehenden Modelle reichen von mehrtägigen Kompaktkursen bis hin zu umfangreichen berufsbe­gleitenden Weiterbildungen. Eine Übersicht, die zeigt, welche Qualifizierungsmodalitäten für diese Einstiegsvariante in den Ländern bestehen, kann hier heruntergeladen werden.

In der Regel sind die Hochschulen nicht in die Qualifizierung der Seiten- ­bzw. Direkteinsteigenden eingebunden. Die Befragung hat gezeigt, dass 49 von 61 Hochschulen keine berufsbegleitenden Weiterbildungsstudiengänge für Seiteneinsteigende ohne Lehr­amtsqualifikation anbieten. Acht Hochschulen bieten entspre­chende Studiengänge an, hierbei handelt es sich um die drei sächsischen lehrerbildenden Hochschulen Leipzig, Dresden und Chemnitz sowie um fünf weitere Hochschulen. Vier Hochschulen planen die Einrichtung solcher weiterbildenden Studiengänge.

Abb. 3: Derzeit existierende Einstiegsvarianten ins Lehramt (2020)

 

Stimme aus der Schulpraxis
Die Ergebnisse einer nicht repräsentativen Online-Befragung des Monitor Lehrerbildung aus dem Jahr 2019 unter Bewerberschulen um den Deutschen Schulpreis und den Jakob Muth Preis für Inklusive Schule5 haben gezeigt, dass die befragten Schulleitungen Seiteneinsteigenden gegenüber sehr aufgeschlossen sind. Sie werden nicht als Belastung, sondern als Bereicherung empfunden. Die befragten Schulleitungen sprachen sich eher dafür aus, die Möglichkeit eines Seiteneinstiegs nicht nur als Notmaßnahme zu nutzen. Sie sprachen sich außerdem mehrheitlich dafür aus, dass Seiteneinsteigende durch angemessene Qualifizierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen eine langfristige Perspektive im Schuldienst erhalten.

 

Einschätzungen von Schulleitungen zu Seiteneinsteigenden

Abb. 4: Einschätzungen von Schulleitungen zu verschiedenen Aussagen über Seiteneinsteigende im Rahmen einer Online-Befragung des Monitor Lehrerbildung im Jahr 2019. Die Grafik zeigt jeweils Mittelwerte.

 

Weiterqualifizierungsmöglichkeiten für andere Schulformen

Einige Länder, wie beispielsweise Niedersachsen oder künftig auch Nordrhein-­Westfalen, setzen auf Abordnungen von Gymnasiallehr­kräften an Grundschulen, um den Mangel an Grundschullehrkräften abzumildern. Diese abgeordneten Lehrkräfte sollen laut dem neuen Masterplan Grundschule in Nordrhein­-Westfalen berufsbegleitend eine Qualifizierung für die andere Schulform erhalten. Insgesamt zehn Bundesländer bieten für bereits voll ausgebildete Lehrkräfte die Möglichkeit, sich berufsbegleitend zusätzlich für das Lehramt an einer anderen Schulform weiter zu qualifizieren. Vier Bundes­länder bieten diese Möglichkeit nicht, Sachsen plant die Einführung einer solchen Weiterbildungsmöglichkeit.6

 

Wie werben Länder und Hochschulen um Lehrkräftenachwuchs?

Werbe- und Steuerungsmaßnahmen der Länder

Die Befragung des Monitor Lehrerbildung zeigt, dass seit 2015 immer mehr Länder öffentlichkeitswirksam für die Aufnahme eines Lehramtsstudiums werben. Ergriffen 2015 noch fünf von 16 Ländern keine Werbemaßnahmen (Brandenburg, Bayern, Baden­-Württem­berg, Hessen und Saarland), waren es 2020 nur noch zwei (Bran­denburg und Saarland). Dies zeigt, dass sich die Länder nahezu bundesweit um Lehrkräftenachwuchs bemühen und neben dem kurzfristigen Rückgriff auf Quer- ­und Seiteneinsteigende auch lang­fristig mehr grundständig ausgebildete Lehrkräfte gewinnen wollen. Hauptzielgruppe der Werbemaßnahmen sind vor allem Studien­interessierte für die MINT­-Lehramtsfächer, für die beruflichen Fach­richtungen und für das Grundschullehramt. In diesen Fächern bzw. an diesen Schulformen herrscht bundesweit der größte Nachwuchs­mangel. Auch Studieninteressierte für das sonderpädagogische Lehramt sowie Quer- ­und Seiteneinsteigende stehen in neun Ländern im Fokus von Lehrkräftewerbekampagnen.

Rekrutierungsstrategien der Hochschulen

36 Hochschulen7 gaben an, dass im Rahmen von Rekrutierungs­maßnahmen für die Aufnahme eines Lehramtsstudiums (etwa Werbe­kampagnen und besondere Initiativen) spezielle Zielgruppen in den Blick genommen werden. Es zeigt sich, ähnlich wie bei den Werbe­maßnahmen der Länder, dass an der Mehrzahl der Hochschulen Studieninteressierte für die MINT-­Lehramtsfächer im Fokus solcher Maßnahmen stehen (21), gefolgt von Studieninteressierten für das Lehramt an Berufsschulen (17). Die Hochschulen reagieren mit ihren Maßnahmen unabhängig vom Fachkräftebedarf an den Schulen in erster Linie auf die geringe Nachfrage nach Studienplätzen für diese Lehrämter, denn im MINT­-Bereich und bei den beruflichen Fachrichtungen gibt es seit Jahren zu wenig Lehramtsinteressierte. Studierende eines nicht­-lehramtsbezogenen Fachstudiums werden nur von sieben Hochschulen aktiv für die Lehramtsstudiengänge rekrutiert. 19 Hochschulen verzichten auf Maßnahmen für spezielle Zielgruppen. Teilweise haben Hochschulen auch mit weiteren Akteuren eine gemeinsame Strategie entwickelt, um Studierende für die Lehr­amtsstudiengänge zu gewinnen, etwa über eine strategische Koope­ration mit dem Land bzw. mit dem zuständigen Schulministerium. 

Erhöhung des Studienerfolgs und Unterstützung bei der Eignungsreflexion

Um Lehrkräftenachwuchs zu gewinnen, kommt es neben der strate­gischen Rekrutierung und Bereitstellung ausreichender Studienkapa­zitäten auch auf die Beratung vor dem Studium und die Begleitung während des Studiums an. Studierende werden so zur Selbstreflexion bezüglich ihrer Eignung angeregt, es entstehen motivierende Praxis­bezüge und der Studienerfolg kann erhöht werden. Die folgenden Befunde beziehen sich ausschließlich auf die erste Phase der Lehr­kräftebildung. Für Quereinsteigende in den Vorbereitungsdienst und Seiteneinsteigende in den Schuldienst greifen gegebenenfalls andere Verfahren der Eignungsfeststellung.

Stimme aus der Schulpraxis
Schulleitungen als Abnehmer neu ausgebildeter Lehrkräfte sehen der nicht repräsentativen Befragung des Monitor Lehrerbildung aus dem Jahr 2019 zufolge Weiterentwicklungsbedarf vor allem bei der Eignungsabklärung.

"Der Lehrerberuf ist in den letzten Jahren durch die vielen neuen Anforderungen, die an Schule gestellt werden, anspruchsvoller geworden und neben fachwissenschaftlichen Kenntnissen wird viel pädagogisches Handlungswissen und vor allem ein gewisses Mindset gebraucht. Ich halte es für sehr wichtig, dass bereits früh in der Lehrkräfteausbildung, am besten schon im Studium, eine begleitete Eignungsreflexion erfolgt, und zwar für alle Studierenden verpflichtend. Neben der eigenen Eignungsreflexion muss es auch eine ehrliche Fremdeinschätzung über die Eignung für den Beruf geben. Diese erfolgt meiner eigenen Erfahrung nach leider nicht in allen Fällen oder viel zu spät im Referendariat."

Jochen Lang, Schulleiter der Hinterlandschule im
Landkreis Marburg-Biedenkopf, Hessen

Welche Instrumente der Eignungsprüfung für Lehramtsstudierende gibt es?

Eignungsprüfungen, die über die Möglichkeit der Aufnahme eines Lehramtsstudiums entscheiden, gibt es in Deutschland nicht. Einzig in bestimmten Fächern, i.d.R. in Kunst, Musik, Sport und teil­weise auch in den Fremdsprachen, sind fachspezifische Aufnahme­prüfungen zu absolvieren, die dann allerdings nur über die Mög­lichkeit, das entsprechende Lehramtsfach zu wählen, entscheiden.

Zulassungsbeschränkungen bestehen für knapp 35 Prozent der Lehramtsstudiengänge bzw. deren Teilfächer, und zwar zumeist in Form eines Orts-­NCs je nach Anzahl verfügbarer Studienplätze, d.h. es zählt die Abiturnote als Zulassungskriterium.

Online­-Self­-Assessments dienen zur Selbsteinschätzung vor Auf­nahme des Studiums und sind z.B. in Baden­-Württemberg per Lan­desvorgabe verpflichtend vor der Einschreibung in einen Lehramts­studiengang zu absolvieren. Der Ausgang dieses Tests entscheidet jedoch nicht darüber, ob ein Lehramtsstudium begonnen werden kann oder nicht, sondern er hat nur einen Empfehlungscharakter für die Studieninteressierten. Deutschlandweit wird z.B. der Selbst­test des Projektes Career Counselling for Teachers (CCT) verwendet. Hochschulen, die diesen Test verpflichtend vorsehen, stellen also sicher, dass die Studieninteressierten sich vor Aufnahme ihres Studiums zumindest im Rahmen eines Online­-Fragebogens kritisch mit ihrer Eignung für den Lehrerberuf auseinandersetzen. An einigen Standorten, z.B. an der Universität Passau oder der Universität Münster, gibt es auch hochschuleigene Selbsttests, die den Interes­sierten entweder empfohlen werden oder aber vor der Einschrei­bung verpflichtend absolviert werden müssen. 

Verpflichtende Eignungspraktika vor Aufnahme des Studiums sind nicht vorgesehen. Ein Orientierungspraktikum, dessen Funktion es unter anderem ist, eine Orientierung über die Eignung für den Lehrer­beruf zu geben, ist hingegen flächendeckend vorgesehen. Dieses kann auch vor Aufnahme des Studiums absolviert und dann ange­rechnet werden, wird jedoch in der Regel in den ersten Semestern des Studiums durchgeführt.

Angebote zur Eignungsreflexion während des Studiums sind an 29 von 61 Hochschulen verpflichtend vorgesehen. An 20 Hoch­schulen gab es im Wintersemester 2019/20 optionale Angebote und an 12 Hochschulen gar keine derartigen Angebote.8 Von den 29 Hochschulen mit verpflichtendem Angebot zur Eignungsreflexion gaben wiederum 18 an, dass es sich dabei um die schulpraktischen Studien mit entsprechenden Begleitveranstaltungen handele, und neun Hochschulen gaben Online­-Selbsttests an, wie etwa den CCT­Test.9 Von den 20 Hochschulen, die optionale Angebote machen, gaben elf Hochschulen eine spezielle Eignungsberatung, z.B. durch die Zentren für Lehrerbildung, an, sieben Hochschulen nannten On­line­-Selbsttests, wie etwa den CCT-­Test, drei Hochschulen gaben an, dass es besondere Wahlmodule oder Workshopangebote zur Eignungsreflexion gebe.10 Die folgende Grafik zeigt die Verteilung.

 

Angebote zur Eignungsreflexion

Abb. 5: Gibt es an Ihrer Hochschule Angebote zur Eignungsreflexion für Lehramtsstudierende? Die Angaben entsprechen absoluten Zahlen.

Beratungsangebote speziell für Lehramtsstudierende im Studien­verlauf oder bereits vor Aufnahme des Studiums können dazu die­nen, über die individuelle Eignung für den Lehrerberuf ins Gespräch zu kommen und zu dieser Frage professionelles Feedback zu erhal­ten. Die Angaben der Hochschulen ergeben ein deutliches Bild: Die große Mehrzahl der Beratungsangebote war im Wintersemester 2019/20 auf freiwilliger Basis und bestand sowohl vor Aufnahme des Studiums als auch über den gesamten Studienverlauf. Die Zentren für Lehrerbildung bzw. Schools of Education boten lehramtsspezifische Beratung an, genauso aber auch die Fachstudienberatungen der Erziehungswissenschaft. Freiwillige Angebote im späteren Studien­verlauf, also ab dem dritten Fachsemester, boten zum Zeitpunkt der Befragung nur etwa die Hälfte der befragten Hochschulen an. Ver­pflichtende Beratung für Lehramtsstudierende gab es nur an wenigen Standorten, wie die folgende Grafik zeigt.

 

Beratungsangebote

Abb. 6: Welche Beratungsangebote speziell für Lehramtsstudierende gibt es an Ihrer Hochschule? N=60; Mehrfachantworten möglich. Die Angaben entsprechen absoluten Zahlen.

  1. Die Länder nutzen diese Begrifflichkeiten unterschiedlich. Wir bezeichnen in dieser Publikation mit dem Begriff »Quereinsteiger*innen« Lehrkräfte, die ohne vorangegangenes Lehramtsstudium in den Vorbereitungsdienst einsteigen und mit dem Begriff »Seiteneinsteiger*innen« Lehrkräfte, die ohne Lehramtsstudium und ohne Vorbereitungsdienst direkt in den Schuldienst einsteigen.
  2. Vgl. KMK (2020). Einstellung von Lehrkräften.
  3. Je nach Hochschule wird sowohl der lehramtsbezogene Bachelor of Education (B.Ed.) als auch der polyvalente Bachelorabschluss (B.A. oder B.Sc.) vergeben.
  4. Die Universität der Künste Berlin bildet ebenfalls Lehrkräfte aus und hat Quereinstiegsmasterstudiengänge eingerichtet, wird allerdings im Rahmen des Monitor Lehrerbildung nicht befragt.
  5. An der nicht repräsentativen Befragung beteiligten sich 68 von 358 eingeladenen Schulleitungen.
  6. Ein Land machte zu dieser Frage keine Angabe.
  7. Von 58, die auf die Frage geantwortet haben.
  8. Von diesen gaben jedoch sechs Hochschulen an, die Einführung solcher Angebote zu planen.
  9. Genannt sind hier nur die häufigsten Freitext-Angaben. Mehrfachnennungen waren möglich.
  10. Genannt sind hier nur die häufigsten Freitext-Angaben. Mehrfachnennungen waren möglich.