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Monitor Lehrerbildung

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Berufsschule

Welche Herausforderungen bestehen in der Lehrerbildung in den gewerblich-technischen Fächern?

1. Der Bedarf an Lehrkräften für die gewerblich-technischen Fächer kann nicht durch grundständig ausgebildete Lehrkräfte gedeckt werden.

Grundständig ausgebildete Lehrkräfte können schon seit Jahrzehnten den Bedarf an den beruflichen Schulen, vor allem in den gewerblich-technischen Fächern, nicht decken. Die Nachwuchsprobleme in diesen Fächern sind also kein neues Phänomen. Die Studierenden- und Absolventenzahlen in den gewerblich-technischen Lehramtsstudiengängen liegen beinahe schon traditionell auf einem sehr niedrigen Niveau. Ungeachtet bereits ergriffener Maßnahmen ließen sie sich bislang nicht nachhaltig erhöhen; der Zustrom an Studieninteressierten ist weiter gering.

Mittel- und langfristig wird der Ersatzbedarf an Lehrkräften für die beruflichen Schulen sogar weiter steigen, denn im Schuljahr 2015/16 war dort im Gegensatz zu den allgemeinbildenden Schulen immer noch fast die Hälfte aller Lehrkräfte in Deutschland fünfzig Jahre oder älter. Das bedeutet, dass in den nächsten zehn bis 15 Jahren beinahe die Hälfte der derzeit dort tätigen Lehrkräfte aus dem Schuldienst ausscheiden wird, allerdings mit deutlichen Unterschieden zwischen den Bundesländern. Auch angesichts der Tatsache, dass die Ausbildungsdauer grundständig ausgebildeter Lehrkräfte für das berufliche Lehramt in der Regel etwa siebeneinhalb Jahre beträgt, ist und bleibt die Deckung des Lehrkräftebedarfes an den beruflichen Schulen eine der zentralen Herausforderungen für Länder, Schulen und Hochschulen.

2. Das gesellschaftliche Image des Berufes spiegelt sein hohes Anforderungsprofil nicht wider.

Lehrkräfte an beruflichen Schulen müssen sich an einem anspruchsvollen Anforderungsprofil messen lassen. Sie müssen einerseits über das notwendige Fachwissen der beruflichen Fachrichtung(en) verfügen und andererseits über berufspraktisches Wissen und berufspraktische Erfahrungen. Der Akademisierungstrend der deutschen Bildungslandschaft sorgt mitunter für den – unzutreffenden – Eindruck, Lehrkräfte an beruflichen Schulen seien fachlich weniger gefordert und hätten eine schwächere Schülerschaft zu unterrichten – nämlich diejenigen, die nicht in der Lage seien, ein Studium aufzunehmen. Die Einsatzbereiche von Lehrkräften für die beruflichen Schulen umfassen jedoch ein breites Spektrum, von den Teilzeitberufsschulen der dualen Berufsausbildung bis zu Techniker- und Meisterschulen, Fachoberschulen, Fachgymnasien und Berufskollegs, an denen höhere Bildungsabschlüsse und Hochschulzugangsberechtigungen erworben werden können.

Dem hohen Anforderungsprofil des Lehramts für berufliche Schulen steht aber keine entsprechende Wertschätzung gegenüber. Dies gilt insbesondere für die gewerblich-technischen Fachrichtungen. Seine elementare Funktion für die Sicherung der wirtschaftlichen Stärke und Stabilität Deutschlands wird in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen und gewürdigt. Die fachlichen Anforderungen des Lehramtsstudiums für die beruflichen Schulen werden vielfach unterschätzt – auch von Studieninteressierten.

"Das gesellschaftliche Ansehen der ›wissenschaftlichen Lehrkraft an beruflichen Schulen‹ – so die korrekte Bezeichnung des KMK-Lehramtstyps 5 – ist leider extrem schlecht. Weite Teile der Gesellschaft stempeln die Lehrkräfte als ›Berufsschullehrer‹ ab. Was dies in einer Welt der zunehmenden Akademisierung für Konsequenzen hat, ist klar. Wenn man sich dagegen aber vor Augen führt, in welcher Breite und mit welcher Tiefe eine Lehrkraft an einer beruflichen Schule Wissen und Kompetenzen an den unterschiedlichen Schularten vermitteln muss, so spielen diese Lehrkräfte in der Königsklasse."

Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Coenning, Studiengangsleiter der Ingenieurpädagogik an der Hochschule Esslingen

3. Das Lehramtsstudium in gewerblich-technischen Fächern setzt Interessen voraus, die selten in Kombination auftreten.

Wer sich für eine Tätigkeit als Lehrkraft interessiert, hat in der Regel ausgeprägte soziale Interessen und findet die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen reizvoll. Wer sich für den Lehrerberuf in den gewerblich-technischen Fachrichtungen entscheidet, benötigt jedoch auch ausgeprägte Interessen im technischen Bereich. Wie Studien zeigen, liegen mögliche Gründe für die mangelnde Attraktivität des Lehrerberufes bei naturwissenschaftlich-technisch begeisterten Schulabgängern – neben dem attraktiven nichtschulischen Arbeitsmarkt, auf den im Folgenden eingegangen wird – in der Interessenstruktur, die wiederum in bedeutendem Maße als genderspezifisch gilt, so dass es wohl schon aufgrund der vorherrschenden Interessenlagen an Bewerbern mangelt. Demzufolge dominieren bei Jungen die handwerklich-technischen und die wissenschaftlich-forschenden Interessen, während sich bei Mädchen eher soziale und künstlerische Interessen ausprägen.1

Diese Ursachen für die Nachwuchsprobleme sind jedoch am schwersten zu bekämpfen, da hier einerseits tief verwurzelte Sozialisationsprozesse und andererseits konjunkturelle Entwicklungen eine Rolle spielen.2

"Der Gendereffekt zeigt sich nicht nur beim Lehramt an beruflichen Schulen, sondern manifestiert sich insgesamt in einer nachhaltig geschlechterspezifischen Studien- und Berufswahl, z.B. auch in den MINT-Fächern der allgemeinbildenden Lehrämter. Erschwerend hinzu kommen jedoch das geringe Prestige des Gewerbelehrerberufes und die höhere Attraktivität des Ingenieurarbeitsmarktes. Insgesamt kumulieren in den gewerblich-technischen Fächern mehrere Faktoren zu einem nachhaltig negativen strukturellen Effekt."

Prof. Dr. Birgit Ziegler, Professorin für Berufspädagogik mit dem Schwerpunkt Berufsbildungsforschung, Didaktik beruflicher Bildung und Professionalisierung von Lernenden an der Technischen Universität Darmstadt

4. Das Berufsziel Lehrkraft in gewerblich-technischen Fachrichtungen ist wenig attraktiv.

Da der Arbeitsmarkt für Absolventen ingenieurwissenschaftlicher Disziplinen hochattraktive Berufsaussichten bietet, nahezu jeder Absolvent entsprechender Studiengänge schnell in den Arbeitsmarkt integriert wird und in der freien Wirtschaft üppigere Gehälter in Aussicht stehen, stellt das Lehramt für berufliche Schulen bereits seit Jahrzehnten keine attraktive Berufsalternative dar.

Die lange Ausbildungsdauer, der geringe Verdienst im Vorbereitungsdienst und die langfristigen Karriereperspektiven können mit den Bedingungen des Arbeitsmarktes der freien Wirtschaft nicht konkurrieren. Schwer zu erfüllende Zugangsvoraussetzungen wie etwa der Nachweis von zwölf Monaten berufspraktischer Tätigkeit oder Leistungsnachweise in einem zweiten Unterrichtsfach machen die Lehramtsoption auch für Quereinsteiger oft unattraktiv.

Schwer wiegt auch der geringe Bekanntheitsgrad des Lehramtes für die beruflichen Schulen unter Schulabgängern. Da bei der Entscheidung von Schulabgängern für das Berufsziel Lehrkraft nicht selten die Erfahrungen aus der eigenen Schulzeit eine Rolle spielen und eine berufliche Schule von ihnen in der Regel eben nicht besucht wurde, entscheiden sich potenzielle Studierende eher für Lehramtsstudiengänge in den allgemeinbildenden Fächern für die Sekundarstufen I und II. Doch auch an den allgemeinbildenden Schulen herrscht bereits ein Mangel an Lehrkräften in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern, den sogenannten MINT-Fächern. Zusammen mit dem geringen gesellschaftlichen Prestige des Lehrerberufes, vor allem im Vergleich zu einer Tätigkeit als Ingenieur oder in einem allgemeinbildenden Lehramt, ist die Ausgangslage, mehr Studierende für dieses Lehramt zu gewinnen, denkbar schlecht.

"Durch den eklatanten Lehrermangel an den berufsbildenden Schulen ist eine ganz wichtige Säule unseres Wirtschaftssystems – die duale Ausbildung – in großer Gefahr. Bei der Lehrerversorgung an beruflichen Schulen geht es häufig nur darum, kurzfristig Löcher zu stopfen. Es fehlt an nachhaltigen Maßnahmen zur Gewinnung von neuen Lehrkräften. Eine Option wäre der systematische Ausbau von Teilzeitmodellen mit Übernahmegarantie. Quereinsteiger studieren dabei parallel zum Schuldienst und bei vollem Gehalt in Teilzeit an der Uni."

Dr. Ekkehard Winter, Geschäftsführer der Deutsche Telekom Stiftung

5. Die Fachdidaktiken für die gewerblich-technischen Fachrichtungen sind unzureichend ausgestattet.

Wenn Lehramtsstudierende der gewerblich-technischen Fachrichtungen die meisten fachwissenschaftlichen Lehrveranstaltungen nur zusammen mit Studierenden der Ingenieurwissenschaften besuchen, dann sind die vermittelten Inhalte wenig zweckdienlich für den späteren Lehrberuf. Wie die Daten des Monitor Lehrerbildung zeigen, ist dies jedoch die gängige Praxis an den Hochschulen. Grundsätzlich ist der fachwissenschaftliche Anteil in Lehramtsstudiengängen für die Sekundarstufe II sehr hoch und ein hohes fachliches Niveau bei den angehenden Lehrkräften auch durchaus notwendig. Ein Problem besteht jedoch, wenn die notwendige fachdidaktische Verknüpfung im Studium ausbleibt und Lehramtsstudierenden ein zusammengeflicktes Studienangebot aus verschiedenen Disziplinen unterbreitet wird. Ein Lehramtsstudium aus einem Guss kann so nicht gewährleistet werden. Das fachdidaktische Angebot vieler Hochschulen in den gewerblich-technischen Fachrichtungen bleibt hinter den Erfordernissen des späteren Berufes zurück. Die entsprechenden Fachdidaktiken sind in vielen Fällen sowohl personell als auch sächlich unzureichend ausgestattet, da es oft nur eine Professur für Technikdidaktik gibt, die mehrere Didaktiken für gewerblich-technische Fachrichtungen bündelt. Es kann nur mit Qualitätseinbußen verbunden sein, wenn ein ausgebildeter Didaktiker der Metalltechnik gleichzeitig auch noch die Didaktiken der Elektrotechnik und/oder Informationstechnik in angemessener Weise lehren muss.

Die geringe Nachfrage nach gewerblich-technischen Lehramtsstudiengängen unter Studieninteressierten und die somit sehr niedrigen Studierendenzahlen tragen außerdem nicht dazu bei, die Aufmerksamkeit der Hochschulen für das berufliche Lehramt zu erhöhen und die Lehrstühle der Berufspädagogik und insbesondere der Fachdidaktiken der beruflichen Fachrichtungen besser auszustatten. Eine Hochschule, die sechs verschiedene gewerblich-technische Fachrichtungen anbietet, an der sich aber pro Jahr nur vier Lehramtsstudierende pro Fachrichtung neu einschreiben, wird kaum vier verschiedene Fachdidaktik-Professuren zur Verfügung stellen. Solange keine kritische Größe an Studierenden erreicht wird, wird wenig in den qualitativen Ausbau der beruflichen Lehrerbildung investiert. Im Umkehrschluss wird auch ein Lehramtsstudium, das qualitativ hinter den Qualitätserfordernissen zurückbleibt, kaum mehr Studieninteressierte begeistern oder eingeschriebene Studierende halten.

"Die gewerblich-technischen Lehramtsstudiengänge fristen an den Hochschulen ein Nischendasein und müssen mit unzureichenden Ressourcen auskommen. Vor allem im Bereich der Fachdidaktik sind sie personell unterbesetzt. Oft wird hier ganz bewusst gespart und verschiedene Fachdidaktiken werden zu einer Bereichsdidaktik zusammengeführt. Das ist in etwa das gleiche, als wenn man nur noch eine Professur für Englische Sprache einrichten würde, die dann gleichzeitig auch noch Spanisch, Französisch und Italienisch betreuen müsste."

Prof. Dr. Matthias Becker, Professor für die Didaktik der Metalltechnik an der Leibniz Universität Hannover

6. Sondermaßnahmen zur Deckung des Lehrkräftebedarfs laufen Gefahr, das Lehramtsstudium zu entwerten.

Maßnahmen wie die Deckung des Lehrkräftebedarfes durch Seiteneinsteiger ohne pädagogisch-didaktische Qualifikation bzw. ohne vollständiges Lehramtsstudium sind weder der Attraktivität noch der Qualität des Lehrerberufes und damit der beruflichen Bildung zuträglich – selbst wenn sie notwendig erscheinen, um überhaupt eine Lehrkräfteversorgung sicherzustellen. Durch diese Praxis wird das – die Wirklichkeit verzerrende – gesellschaftliche Bild verfestigt, der Lehrerberuf könne letztlich von jedem fachlich Qualifizierten ausgeübt werden und die pädagogisch-didaktischen Kompetenzen seien optional oder könnten gleichsam nebenbei »on the job« erworben werden. Das Lehramt in den gewerblich-technischen Fachrichtungen fristet ohnehin schon ein Schattendasein neben der wesentlich attraktiveren Tätigkeit als Ingenieur. Diesem geringen Prestige wird durch das dauerhafte Ausweichen auf Seiteneinsteiger noch mehr geschadet. Zudem wird Studieninteressierten auf diese Weise der Eindruck vermittelt, das Ingenieurstudium sei in jedem Fall die bessere Alternative, da ein Seiteneinstieg ins Lehramt z.B. bei schlechterer Arbeitsmarktentwicklung nach einem Fachstudium ohnehin jederzeit noch möglich sei.

Es ist ein Trugschluss zu glauben, die fachliche Qualifikation allein reiche aus, um Schülern die komplexen Inhalte der gewerblich-technischen Fächer vermitteln zu können. Die Didaktik ist die Schlüsseldisziplin des Lehramtsstudiums und keinesfalls verzichtbar.

"In allen empirischen Untersuchungen zur Qualität der Berufsbildung in Schule und Betrieb wird dargelegt, dass das berufliche Bildungspersonal ein zentraler Faktor für das Ausmaß der Qualität ist. Daher sind fehlende pädagogische und fachdidaktische Kompetenzen nicht akzeptabel. Im Gegenteil, die pädagogischen und fachdidaktischen Anforderungen und Ansprüche an das berufliche Bildungspersonal steigen massiv. Heterogenität, Inklusion, Internationalisierung, Digitalisierung sind hierfür nur wenige Beispiele. Die Berufsbildung an den Schulen, die Betreuung der Schüler und Schülerinnen durch die Lehrkräfte, die gemeinsame Unterrichts und Schulorganisation befinden sich in Deutschland auf höchstem Niveau. Dieser Standard darf durch Qualitätseinbußen in der Lehrerbildung nicht unterlaufen werden."

Prof. Dr. Dietmar Frommberger, Professor für Berufs- und Wirtschaftspädagogik

"Die Länder bringen sich durch kurzfristige Sondermaßnahmen wie die massenhafte Einstellung von Seiteneinsteigern selbst immer wieder in eine Notlage. Was aber noch viel schlimmer ist: Die Lehrerkollegien in den beruflichen Schulen setzen sich dadurch nach und nach mehrheitlich aus so rekrutierten Lehrkräften zusammen, was das Selbstverständnis der Kollegien verändert und die Umsetzung innovativer didaktischer Konzepte erschwert. Das Lernfeldkonzept kann kein Seiteneinsteiger so einfach ›nebenbei‹ verinnerlichen, so dass danach mit hoher Qualität gearbeitet werden kann."

Prof. Dr. Matthias Becker, Professor für die Didaktik der Metalltechnik an der Leibniz Universität Hannover
  1. Vgl. Ziegler/Steinritz/Kayser 2013; Steinritz/Lehmann-Grube/Ziegler 2016; Engin 2016.
  2. Zum Zusammenhang zwischen Entwicklungen am Ingenieurarbeitsmarkt und im Lehramt vgl. Ziegler, Birgit (2001): Wo sind sie geblieben? – Absolventinnen und Absolventen aus 28 Jahren Gewerbelehrerstudium an der Universität Stuttgart und deren beruflicher Verbleib. In: Albers, H.-J./Bonz, B./Nickolaus, R. (Hrsg.): Impulse zur Professionalisierung pädagogischer Tätigkeiten im Bildungs-und Beschäftigungssystem. Baltmannsweiler, S. 101-118.