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Monitor Lehrerbildung

© 2015 | Bertelsmann Stiftung, CHE Gemeinnütziges Centrum für Hochschulentwicklung, Deutsche Telekom Stiftung, Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V.

Digitalisierung

Herausforderungen

1. Die strategische Steuerung durch die Länder ist bislang unzureichend.

Die Digitalisierung des Bildungssystems ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, bei der die Hochschulen als »Anbieter« des Lehramtsstudiums ganz besonders in der Verantwortung stehen. Die Qualifizierung der Lehrkräfte geschieht einerseits durch die Ausgestaltung der Erstausbildung von Lehrkräften und andererseits durch Angebote entsprechender Fortbildungsmöglichkeiten, die zumindest formal in allen Ländern bereits existieren. Die Hochschulen bewegen sich dabei allerdings in einem Rahmen, den die Länder setzen. Die Hochschulen haben somit zwar in der Umsetzungsgestaltung gewisse Spielräume, stehen aber mit den Ländern, die ihrerseits Ziele, Schwerpunkte und Standards definieren, in der Verantwortung. Die Länder haben sich in ihrer Strategie »Bildung in der digitalen Welt« dazu verpflichtet, für die notwendige Qualifizierung der Lehrkräfte für den Einsatz digitaler Medien zu sorgen. Für die Gestaltung der Lehramtsstudiengänge gibt es in den Ländern rechtlich verbindliche Regelungen. Dort wird jedoch noch zu selten der Erwerb von Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien und im methodisch-didaktischen Einsatz digitaler Medien vorgegeben. Steuerungsmaßnahmen wie Zielvereinbarungen zwischen Land und Hochschule oder Hochschulverträge werden bislang kaum genutzt, um die in der KMK-Strategie gesetzten Ziele zu erreichen. Es bleibt abzuwarten, ob sie in den kommenden Vereinbarungszeiträumen Berücksichtigung finden werden.

Die Planungen zur zweiten Förderphase des Bund-Länder-Programms »Qualitätsoffensive Lehrerbildung« sehen vor, das Thema Digitalisierung neben der beruflichen Bildung als einen Schwerpunkt zusetzen. Damit werden aber nicht die lehrerbildenden Hochschulstandorte erreicht, die nicht durch das Programm gefördert werden, aber ebenfalls kompetente Lehrkräfte ausbilden sollen. Eigene Förderlinien der Länder zur gezielten und systematischen Umsetzung der Digitalisierung in der Lehrerbildung, mit der für die Hochschulen Anreize geschaffen werden, das Thema selbst sowie die eigene Organisationsentwicklung voranzutreiben, fehlen bislang weitestgehend.

Insgesamt betrachtet fehlt es damit seitens der Politik noch an Anreizsystemen und dem gezielten Einsatz von Steuerungsinstrumenten, um den Digitalisierungsprozess in der Lehrerbildung konsequent und umfassend voranzutreiben.

"Die derzeitige Diskrepanz zwischen Könnensollen und Nichtermöglichen erscheint schwer nachvollziehbar. Ob die curricularen Vorgaben der Länder – sofern sie die Förderung von Medienkompetenz in der Schule berücksichtigen – eingehalten werden, entsprechend die Schülerinnen und Schüler vom Lernen über Medien sowie vom Lernen mit Medien und Lehrende für ihre didaktische Unterrichtsgestaltung profitieren können, wird derzeit dem Zufall überlassen."

Prof. Dr. phil. Thomas Knaus, Leiter der Abt. Medienpädagogik der PH Ludwigsburg und Wissenschaftlicher Direktor des FTzM Frankfurt am Main

2. Digitale Medien sind meist nur optionaler Studieninhalt

In den Lehramtsstudiengängen besteht aktuell ein zu geringer Verpflichtungsgrad für Studierende, sich während ihres Studiums mit digitalen Medien auseinanderzusetzen. Wie die Daten der Erhebung zeigen, können Lehramtsstudierende – je nach Fach unterschiedlich – ihr Studium zumeist erfolgreich abschließen, ohne sich mit digitalen Medien und insbesondere der methodisch-didaktischen Anwendung digitaler Unterrichtswerkzeuge zu beschäftigen. Die Mehrheit der Lehrveranstaltungen, die auf diesem Gebiet angeboten werden, befindet sich im Wahlpflichtbereich – und nicht einmal das ist in allen Lehramtsfächern gewährleistet. Digitale Medien werden demnach vielerorts noch als ein Schwerpunkt gesehen, den man setzen kann, aber nicht muss. Außerdem sehen die Fachdidaktiken der einzelnen Lehramtsfächer den Einsatz digitaler Medien noch nicht konsequent als Bestandteil der Curricula vor. Die Kultusministerkonferenz strebt an, dass Lehrkräfte aller Unterrichtsfächer digitale Lernumgebungen nutzen und gestalten können müssen. Es gibt allerdings derzeit nur vereinzelt Hochschulen, die auch wirklich in jedem studierbaren Lehramtsfach digitale Medien für alle Studierenden verpflichtend zum Thema machen. Das reicht nicht aus, um künftig alle angehenden Lehrkräfte in Deutschland angemessen auf das Unterrichten mit digitalen Medien vorzubereiten. Die praktische Ausbildungsphase des Vorbereitungsdienstes bzw. des Referendariats alleine kann für den Erwerb dieser Kompetenzen nicht verantwortlich sein, wenn im vorangegangenen Studium keine theoretischen Grundkenntnisse und erste praktische Erfahrungen, die eine offene Haltung fördern können, erworben worden sind.

"Zur medienpädagogischen Grundbildung aller Lehrerinnen und Lehrer über eine umfassende Integration der Medienpädagogik in Studium und Lehre, wie dies auch ›Keine Bildung ohne Medien‹ fordert, ist es noch ein weiter Weg. Denn leider werden Medien oft auf das Technische beschränkt. Zusätzliche Veranstaltungen allein sind auch nicht unbedingt der Königsweg: Wer sagt denn, dass Medienpädagogik nicht in einer Einführung in die Pädagogik zum Thema werden kann? Wir brauchen eine breite Thematisierung in der Lehrerbildung."

Jun.-Prof. Dr. Mandy Schiefner-Rohs, Juniorprofessorin für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Schulentwicklung an der Technischen Universität Kaiserslautern

"Schulische Medienpädagogik und Mediendidaktik sind keine ›Spezialthemen‹. Jede angehende Lehrerin und jeder angehende Lehrer sollte zunächst über eigene Medienkompetenz verfügen. Darüber hinaus sollten Lehrende medienpädagogische Kompetenz entwickeln können, um die Medienkompetenz ihrer Schülerinnen und Schüler gezielt fördern zu können. Damit auch ihre Unterrichtsgestaltung von den didaktischen Potentialen des Lehrens und Lernens profitiert, sollte ihnen überdies ermöglicht werden, sich mediendidaktische Fertigkeiten anzueignen."

Prof. Dr. phil. Thomas Knaus, Leiter der Abt. Medienpädagogik der PH Ludwigsburg und Wissenschaftlicher Direktor des FTzM Frankfurt am Main

3. Eine praktische Erprobung digitaler Medien ist kaum verbindlich vorgesehen.

Dass Lehramtsstudierende digitale Medien und deren methodisch-didaktischen Einsatz im Rahmen ihrer Praxisphasen praktisch erproben und reflektieren, ist derzeit kaum verbindlich vorgesehen. Zwar ist es laut den Angaben der Hochschulen zu diesem Themenkomplex möglich und durchaus auch erwünscht, digitale Medien während der Praktika einzusetzen, curricular verbindlich verankert ist dies jedoch kaum. Die Verantwortung für die inhaltliche Gestaltung und die Durchführung der Praktika liegt oftmals außerhalb der Hochschulen, nämlich bei den Studienseminaren oder den Praktikumsschulen und dem dort tätigen Personal. Diese Zuständigkeitsverteilung geht mit mangelnden Einflussmöglichkeiten der Hochschulen auf die inhaltliche Durchführung der Praxisphasen einher. Die Praxisphasen sind jedoch curricular verankerter Teil des Lehramtsstudiums, so dass es nicht zielführend ist, wenn die Hochschulen auf die systematische Einbindung digitaler Medien in die praktische Unterrichtserprobung, die für den Kompetenzerwerb angehender Lehrkräfte von entscheidender Bedeutung ist, keinen Einfluss nehmen können. Zu berücksichtigen ist außerdem, dass während des Studiums – trotz Praxissemester oder anderer Langzeitpraktika – nur in geringem Umfang Zeitfenster für die Arbeit an einer Schule und somit echten Praxisbezug zur Verfügung stehen.

4. Hochschulen agieren zu vereinzelt und zu wenig im Verbund.

Ohne Hochschulnetzwerke und systematische Kooperationsstrukturen sind gute Konzepte zum Umgang mit digitalen Medien in der Lehrerbildung nur schwer zu verbreiten, was dazu führen kann, dass es bei Insellösungen bleibt. Auch die Entwicklung übertragbarer und skalierbarer Konzepte wird durch fehlende Kooperationsstrukturen – zwischen Hochschulstandorten sowie auch zwischen Hochschule und Schulpraxis – erschwert.

Tatsächlich agieren die Hochschulen in den meisten Ländern noch zu wenig und nicht systematisch in Verbünden, um die Digitalisierung in der Lehrerbildung flächendeckend und unter Ausnutzung von Synergieeffekten voranzutreiben.

Schon in der ersten Förderphase der Qualitätsoffensive Lehrerbildung wurde das Thema Digitalisierung trotz der Dringlichkeit des Themas kaum in den Vorhaben berücksichtigt. Nur sehr wenige Hochschulen haben überhaupt Verbundanträge gestellt, diese haben sich wiederum auch nicht gezielt mit dem Thema Digitalisierung beschäftigt. Sie wurden zur Ausarbeitung von Verbundanträgen auch kaum ermutigt. Wenn derzeit Kooperationen unter den lehrerbildenden Hochschulen bestehen, dann handelt es sich vornehmlich um Einzelkooperationen bestimmter Fachbereiche.

Internationale Kooperationen zum Thema gibt es derzeit laut den Angaben der befragten Hochschulen überhaupt nicht. Dabei würde sich gerade beim Thema Digitalisierung ein Blick in andere europäische Länder lohnen, in denen das Thema kreativer und unter Ausnutzung größerer Spielräume vorangetrieben wird.

"Die Hauptlast beim Thema Digitalisierung in der Lehrerbildung und der Schule liegt auf den Fachdidaktiken. Das zeigen nicht zuletzt die Forderungen der Länder in ihrer Strategie ›Bildung in der digitalen Welt‹. In der Umsetzung ist nicht sinnvoll, dass jede Hochschule und Schule das Rad jeweils neu erfindet. Verbundarbeit und professionelle Lerngemeinschaften sind hier die Mittel der Wahl. Dieser Wandel zu kooperativen Umsetzungsformen muss die Lehrerbildung in allen drei Phasen durchdringen!"

Dr. Ekkehard Winter, Geschäftsführer der Deutsche Telekom Stiftung

5. Die Nutzung digitaler Medien in der Lehre wird nicht konsequent genug durch strategische Gestaltungsprozesse gefördert.

Letztlich sind die Lehramtsstudierenden von heute diejenigen, die später als Lehrkräfte die Organisationentwicklung der Schulen vorantreiben. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 20171 hat jedoch gezeigt, dass gerade Lehramtsstudierende im Vergleich zu Studierenden anderer Fächer digitalen Medien gegenüber am wenigsten aufgeschlossen sind. Somit ist nicht zu erwarten, dass die Lehramtsstudierenden selbst ›Motor‹ der Digitalisierung sind bzw. sein werden. Wenn sie während des Studiums digitale Lehr-/Lernmethoden nicht selbst erleben, ist die Wahrscheinlichkeit vermutlich gering, dass sie die intrinsische Motivation mitbringen, um digitale Medien im eigenen Unterricht einzusetzen. Ein nicht ausreichend geschultes und engagiertes Lehrpersonal in der Hochschule, das selbst keine oder kaum digitale Medien in der Lehre einsetzt, kann der mangelnden Begeisterung unter Lehramtsstudierenden für digitale Medien kaum begegnen. Hier sind die Hochschulen gefordert, sich strategisch so weiter zu entwickeln, dass der Einsatz digitaler Medien in der Hochschullehre selbstverständlich wird. Solche Organisationsentwicklungsansätze werden noch zu wenig genutzt. Es existieren weder verpflichtende Weiterbildungsmaßnahmen für das lehrerbildende Hochschulpersonal noch Qualitätsstandards für entsprechende Maßnahmen.

Kenntnisse und Kompetenzen im Bereich digitale Medien sind zwar nach Angaben der Hochschulen mehrheitlich bei der Neubesetzung von Professuren, die an der Lehrerbildung beteiligt sind, relevant, jedoch kein verpflichtendes Kriterium. In den Fachwissenschaften sind solche Kenntnisse und Kompetenzen nur an weniger als der Hälfte der Hochschulen überhaupt relevant für die Besetzung von Professuren. Vor allem Studierende in Lehramtsstudiengängen für die Sekundarstufe II belegen zu einem großen Anteil fachwissenschaftliche Lehrveranstaltungen. Die Bedeutung der Fachwissenschaften, die Lehramtsstudierenden mit digitalen Medien vertraut zu machen, ist daher nicht zu unterschätzen. Hier wird aber bei Neuberufungen am wenigsten auf Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien geachtet.

Die Verantwortung für die Digitalisierung in der Lehrerbildung ist zudem an einem knappen Viertel der Hochschulen nicht bei der Hochschulleitung angesiedelt – was der Umsetzung einer gesellschaftspolitisch dringenden Aufgabe intern vielfach erst den nötigen Nachdruck verleihen würde.

"An deutschen Unis gibt es wenige Ansätze zu Lehrstrategien, d.h. sie profilieren sich zwar mit Forschungsschwerpunkten, aber kaum mit einem Lehrkonzept. Lehre ist Sache von Einzelkämpfern und digitale Lehre erst recht. Gerade in der Lehrerbildung ist es jedoch wichtig, bereits an der Hochschule mit gutem Beispiel voranzugehen. Jetzt muss also der Schritt von individuellen und personenabhängigen Lösungen hin zu einer institutionellen Durchdringung gelingen. Die Hochschulleitung steht in der Pflicht, über entsprechende Strukturen und Anreizsysteme sicherzustellen, dass die Lehre sich insgesamt modernisiert."

Prof. Dr. Frank Ziegele, Geschäftsführer des CHE Centrum für Hochschulentwicklung

"Lehramtsstudierende treffen während ihres Studiums noch nicht, wie es idealerweise zu wünschen wäre, in möglichst vielen Lehrveranstaltungen und auch sonst an der Universität als Institution völlig selbstverständlich auf digitale Medien und Systeme und erleben damit Digitalisierung noch nicht flächendeckend in der Praxis, um diese Erfahrungen dann später in der Schule als Modellsituationen aufgreifen und dort implementieren zu können. Es stellt eine große Herausforderung dar, alle Hochschulangehörigen zu einem solchen Wandel zu bewegen."

Prof. Dr. Torsten Brinda, Sprecher des Fachbereichs Informatik und Ausbildung/Didaktik der Informatik bei der Gesellschaft für Informatik und Lehrstuhlinhaber "Didaktik der Informatik" an der Universität Duisburg-Essen
  1. Bertelsmann Stiftung (2017), Monitor Digitale Bildung. Die Hochschulen im digitalen Zeitalter.