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Monitor Lehrerbildung

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Digitalisierung

Meinung: Stefanie Pfister
(Universität Münster)

Wozu überhaupt Religionsunterricht digital?

(Ein Beitrag von Prof. (apl.) Dr. phil. Stefanie Pfister (Seminar für Praktische Theologie und Religionspädagogik an der Universität Münster) im Newsletter vom 15. Januar 2021)

 

Ausgerechnet um Religionsunterricht soll es nun gehen? 

Haben wir nicht angesichts der Corona-Krise wichtigere Fächer als Religion zu unterrichten und dort die Lehrer*innen sowohl in der Studiums- als auch in der Ausbildungsphase fit zu machen? 

Und was soll Religionsunterricht in Krisenzeiten überhaupt bewirken? 

Ich plädiere trotz der bekannten Vorbehalte nicht nur für die Notwendigkeit eines digitalen Religionsunterrichts, sondern für die Entwicklung einer Didaktik desselben. Die Corona-Pandemie traf die Schulstruktur und die Unterrichtsgestaltung im Frühjahr des vergangenen Jahres sehr unvorbereitet. Dies gilt im besonderen Maße auch für den Religionsunterricht, der sich – bedingt durch seinen besonderen rechtlichen Status (und seine je unterschiedliche Akzeptanz vor Ort, da der Religionsunterricht ausfiel) – häufig vor die Herausforderung einer zusätzlichen Legitimation nach außen (mit Blick auf die schulpädagogische Begründung und Verortung) sowie vor die Herausforderung einer eigenen Fachdidaktik gestellt sah und weiterhin noch sieht (Binnenperspektive).

Folgende Herausforderungen trafen den schulischen Unterricht und damit auch den Religionsunterricht besonders hart: 

  • fehlende Fortbildungen zur digitalen Didaktik und Lehrformate für Lehrkräfte, 
  • fehlende Seminarangebote zur Didaktik des digitalen Religionsunterrichts in der Lehrer*innenausbildung, 
  • fehlendes digitales Know-How, Unterrichtserfahrung, Arbeitsmaterialien,
  • Nichterreichbarkeit von Schüler*innen, die z.B. mit der familiären Situation überfordert waren, in denen nicht selten Gewalt, Angst vor Arbeitslosigkeit, psychischer Druck vorherrschte und für die der Stellenwert des schulischen Unterrichts sehr gering war,
  • technische Unzulänglichkeiten und fehlende Möglichkeiten seitens der Schüler*innen für digitale Unterrichtsformate, die sich z.B. einen PC oder ein internetfähiges Smartphone mit ihren Geschwistern teilen müssen oder keinen Drucker zuhause haben,
  • fehlende persönliche Beziehung zur Lehrkraft (insbesondere in Krisenzeiten ist die persönliche Beziehung zu einer Lehrkraft wichtig), 
  • fehlende Klassengemeinschaft, welche aber sehr wichtig ist für den Lernerfolg.

 

Erschwerend für den Religionsunterricht kamen folgende Aspekte hinzu: 

  • Der Stellenwert des Faches Religionsunterricht sank immens: Religionsunterricht fiel weitgehend aus oder wurde nur in Form von bereitgestellten Aufgaben auf der Schulcloud erteilt, da man sich auf die Hauptfächer konzentrierte. In den Unterrichtsphasen der geteilten Klassenphasen, der in alphabetischen A- und B-Gruppen stattfand, wurde der Religionsunterricht gar nicht mehr unterrichtet. Und in den anschließenden Präsenzphasen, in denen Schüler*innen oft in Quarantäne oder selber erkrankt waren, fand der Religionsunterricht aufgrund der Reduzierung der Kontaktmöglichkeiten im Klassenverband als Praktische Philosophie statt. 
  • Es bestehen für den digitalen Religionsunterricht keine ausgefeilten fachdidaktischen Konzepte wie beispielsweise für den analogen Religionsunterricht.1
  • Zudem fehlt es den Lehrkräften an Erfahrung, wie man eine digitale Kommunikation des Evangeliums im Religionsunterricht vornehmen kann, ohne die Schüler*innen zu überwältigen oder zu unterfordern. 
  • Es fehlt an ministerial vorgegebenen Strukturen zur Leistungsbewertung, was zu einer heterogenen Leistungsbereitschaft und Motivationslosigkeit führt 

 

Die Lehrkraft muss Resonanz-, Präsenz- und Beziehungsräume schaffen 

Ein Zugang liegt meines Erachtens in der Betonung von Resonanz und Präsenz: Der Begriff der „Resonanz“, durch den Soziologen Hartmut Rosa geprägt, kann auch für den digitalen religionspädagogischen Unterricht aufgegriffen werden. Rosa versteht unter Resonanz eine Form von Weltbeziehung, in der die Menschen mit der Welt prozesshaft in Beziehung treten, wobei sich dadurch sowohl die Welt verändert als auch der Mensch. Dies geschieht immer dann, wenn die Menschen zum Beispiel existentiell berührt oder angesprochen werden, wenn sie z.B. merken, dass ihre Erfahrungen auf ähnliche Erfahrungen treffen. Auf die Schule bezogen bedeutet dies, dass ich als Lehrkraft den Schüler*innen Resonanz biete – also einen Raum, in dem sie ihre Emotionen und ihr Selbst zeigen und dies weiter entwickeln können. Wenn wir uns als Lehrkräfte darauf einlassen, Resonanz zu bieten, können auch wir berührt und angesprochen und auch verändert werden. Daher kommt uns als Lehrkräfte mit unserer Fähigkeit zur Resonanz und unserer „Präsenz“ (Michael Meyer-Blanck) die Aufgabe zu, nicht nur Repräsentationsfunktion zu haben, sondern auch Resonanzboden zu sein und Resonanz im Religionsunterricht zu ermöglichen: Wenn ich mich als Person emotional einbringe, authentisch lehre, was ich glaube und wobei ich Zweifel habe, wenn ich mich nicht scheue, ehrlich von meinen eigenen Sorgen zu berichten, dann ermögliche ich auch Offenheit bei den Schüler*innen, dann scheuen auch sie nicht, sich einzubringen, z.B. ihre Kamera im digitalen Unterricht eingeschaltet zu lassen und auch persönliche religiöse Bezüge zu ziehen.

Damit treten wir mit unserer Präsenz und Leiblichkeit, die digital auch ermöglicht wird, in eine sinn- und seinsstiftende Weltbeziehung. Für die Schüler*innen ist es wichtig, dass die Leiblichkeit, Präsenz und Resonanz auch weiterhin hergestellt wird, da sie sich sonst hinfort schleichen („Mein Internet funktionierte nie“), keine Motivation haben („Mein Lehrer macht eh nur Videokonferenz ohne Bild, dem ist es egal, wie es mir geht“), nicht mitmachen („was soll ich bei seiner Powerpoint die ganze Zeit zuhören, ich kann ja eh nichts dazu sagen“) oder gar nicht mehr  – weder digital noch real – auftauchen (an meiner sozialen Brennpunktschule leider kein Einzelfall).  

 

Wie könnte eine digitale Lehreinheit im Religionsunterricht aussehen? 

Zum Beispiel so: Vor der Unterrichtstunde/Seminarsitzung erhalten die Schüler*innen/Studierenden den Arbeitsauftrag, dass sie verschiedene Materialen zum Gestalten aus der Natur, ihrer Wohnung, aus ihrem Alltag vor sich auf einem Tablett für die Zoom-Sitzung bereitlegen sollen. 

Einzelarbeit: Nach einer kurzen Einleitung in der Zoom-Galerie gestalten die Schüler*innen/Studierenden zum Satz: „Gott ist heute für mich wie...“ in Einzelarbeit, mit ausgeschalteter Kamera, aber mit Ton, damit der Kontakt zueinander möglich ist, ihre persönliche Gottesvorstellung. 

Erarbeitungsphase in den Breakout-Rooms: Nach ca. 10 Minuten gehen die Schüler*innen/Studierenden in Kleingruppen in die Breakout-Rooms und stellen dort ihre Gottesvorstellung den Mitschüler*innen vor bzw. lassen diese interpretieren. Nur dort gibt es den unmittelbaren, den persönlichen Austausch, weil eine Gottesvorstellung sehr privat ist. Im Plenum wird anschließend ausschließlich über die Methode und Umsetzungsmöglichkeiten sowie die Wandelbarkeit der Gottesvorstellung im Alltag und Lebenslauf diskutiert. 

Vorstellungsphase im Plenum: Anschließend fotografieren die Schüler*innen/Studierenden ihre Gottesvorstellungen ab, sodass sie in die PPP für die nächste Religionsunterrichtsstunde/Seminarsitzung eingebunden werden können. Wenn sie möchten, können die Schüler*innen/Studierenden von ihrer Gottesvorstellung berichten.  

 

Was folgt daraus? 

Im Hinblick auf die Ausgangsfragen zeigt sich, dass digitaler Religionsunterricht notwendig ist, damit die Schüler*innen der Schule nicht nur verbunden bleiben, sondern insbesondere ihr Miteinander sowie die Beziehung zur Lehrkraft pflegen. Die Funktion des digitalen Religionsunterrichts ist dabei nicht zu unterschätzen: oftmals sind diese Lehrkräfte auch Vertrauenslehrer*innen und können früh schuldistante oder schulmüde Fälle erkennen. Zudem motiviert das Schaffen von Beziehungsräumen im Religionsunterricht auch zur Aussprache. Schüler*innen, die im digitalen Religionsunterricht motiviert mitarbeiten, können dadurch resilienter mit den gegebenen Herausforderungen – unnatürliche Schulsituation, häusliche Probleme, Schwierigkeiten mit den Herausforderungen und schulischen Aufgaben – umgehen, was sich auf die gesamte Lernsituation überträgt. Zudem bietet die digitale Kommunikation des Evangeliums Halt und Orientierung in Lebensfragen. Ein nicht zu unterschätzendes Gut in Krisenzeiten. 

Die digitalen Formate sollten auch in die Lehrerbildung in Form von Workshops mit digitalen Unterrichtsmöglichkeiten implementiert werden: Lehrkräfte, die bereits viel erprobt haben, sollten diese Seminare für Studierende gestalten. Es ist wichtig, dass die Studierenden nachvollziehen, dass digitaler Religionsunterricht nicht nur das Verschicken von Aufgaben über E-Mails sein kann, da hierbei weder Gemeinschaft noch Resonanz noch Präsenz noch Beziehungsräume möglich sind. Selbst jenseits der derzeitigen Pandemiesituation könnten solche digitalen Unterrichtsmethoden den Religionsunterricht didaktisch bereichern, sei es, um hybride Lernformen zu ermöglichen, methodische Variationsbreite anzubieten oder um in Bezug auf weitere Krisen einen Resonanzraum zu bieten, der insbesondere für Schüler*innen in sozialen Brennpunktschulen als Beziehungsraum dient. Ein solcher kann in der Krise und im Leben Orientierung bieten.  

 

Foto: Mehmet Kilic

  1. Vgl. Stefanie Pfister/Matthias Roser, Fachdidaktisches Orientierungswissen für den Religionsunterricht. Kompetenzen, Grenzen, Konkretionen, Göttingen 2015.