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Monitor Lehrerbildung

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Digitalisierung

Policy Brief (2021)

Technische Ausstattung allein gewährleistet noch keine gute Bildung

Die Corona-Pandemie hat schonungslos offengelegt, dass Deutschlands Schulen und ihre Lehrkräfte noch immer nicht genügend auf Bildung und Unterricht in der digitalen Welt vorbereitet sind. Der Schwerpunkt der verschiedenen Förderprogramme auf Bundes- oder Länderebene liegt auf dem Bereich der Infrastruktur, etwa auf der Beschaffung digitaler Endgeräte für Lehrkräfte sowie für Schülerinnen und Schüler. Natürlich ist eine funktionale technische Ausstattung eine elementare Voraussetzung, um Schülerinnen und Schüler auf ein Leben in der digitalisierten Welt vorzubereiten. Gute Bildung in der digitalen Welt ist aber nur dann möglich, wenn die Lehrkräfte so gut qualifiziert sind, dass sie die jetzigen und zukünftigen Herausforderungen, die die Digitalisierung an ihre Lehrtätigkeit stellt, meistern und die sich daraus ergebenden Chancen nutzen können.

Bereits 2016 verabschiedete die KMK die Strategie „Bildung in der digitalen Welt“. In den vergangenen fünf Jahren sind die gesetzten Ziele allerdings noch nicht flächendeckend erreicht worden. Anfang Oktober 2021 erarbeitete die neu eingerichtete Ständige Wissenschaftliche Kommission der KMK Empfehlungen zur Weiterentwicklung der Strategie, damit die Zielsetzungen auch tatsächlich erfüllt werden.

Auf Bundesebene wurden zudem bereits im Koalitionsvertrag der vergangenen Legislaturperiode digitale Kompetenzzentren für die Lehrerbildung und digitale Schulentwicklung beschlossen – bisher allerdings nicht realisiert. Zusätzlich wurden ländereigene Programme aufgelegt; sie sollen für eine bessere Infrastruktur und Lehrkräftefortbildung sorgen. Auch wurde das seit 2016 laufende Bund-Länder-Programm „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ 2019 um eine Förderlinie zur Digitalisierung der Lehrerbildung ergänzt. Eine Vielzahl an Förderprogrammen und politischen Impulsen wurde also bereits angestoßen, die erhoffte Breitenwirkung steht jedoch bislang noch aus.

Das Lehramtsstudium vermittelt noch zu unsystematisch digitalisierungsbezogene Kompetenzen

Ausstattung und Lehrkräftefortbildung, auf die sich in der öffentlichen Debatte vieles konzentriert, sind zweifellos wichtig. Jüngere Lehrkräfte verfügen jedoch nicht automatisch durch ihre digitale Sozialisation über die für ihre Profession wichtigen digitalen Kompetenzen. Auf allen Ebenen der Berufsbiografie besteht deshalb Handlungsbedarf! Die Daten des Monitor Lehrerbildung, die auf dem Höhepunkt der ersten Corona-Welle im Frühjahr 2020 erhoben wurden, zeigen: Studieninhalte, die Medienkompetenz und digitalisierungsbezogene Kompetenzen bereits bei Lehramtsstudierenden zugrunde legen sollen, sind immer noch kaum verbindlicher Bestandteil des Lehramtsstudiums.

Zwischen 2017 und 2020 wurden nur sehr geringe Fortschritte bei der curricularen Verankerung von verpflichtenden Lehrveranstaltungen zum Thema digitale Medienkompetenz erzielt. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, dann dauert es beispielsweise für das Lehramt an Gymnasien bis ins Jahr 2040, bis digitalisierungsbezogene Kompetenzen flächendeckend in der 1. Phase der Lehrerbildung etabliert sind. Auch die Ad-Hoc-Maßnahmen während der vergangenen Corona-Semester haben nicht viel daran geändert. Vielfach wurde einfach die analoge Lehre ins Digitale verlegt. Es braucht aber ebenso eine neue digitale Didaktik, die nun dringend flächendeckend in der Lehrerbildung angelegt werden muss.

Als ein sogenanntes Querschnittsthema war digitale Medienkompetenz auch im Jahr 2017 schon an 70 Prozent der lehrerbildenden Hochschulen vorgesehen. Faktisch wird es jedoch erst dann zu einem Querschnittsthema, wenn digitalisierungsbezogene Kompetenzen in einem umfassenden Sinn in allen Teilbereichen des Lehramtsstudiums, d.h. in der Fachdidaktik, den Bildungswissenschaften, den Fachwissenschaften und auch den Praxisphasen verbindlich und für jede/n Studierende/n verpflichtend verankert sind. Dies ist noch lange nicht der Fall, wie Daten des Monitor Lehrerbildung zeigen: Im Frühjahr 2020 war digitale Medienkompetenz an 80 Prozent der Hochschulen in den Bildungswissenschaften durch entsprechende Lehrveranstaltungen bzw. Module mindestens im Wahlpflichtbereich curricular verankert, jedoch nur an einem knappen Drittel der Hochschulen in allen Fachdidaktiken (31,7 Prozent) und nur an 5 Prozent der Hochschulen in allen Fachwissenschaften. Seit dem Jahr 2017 gab es bei der Verankerung in den Teilstudienbereichen des Lehramts keine umwälzenden Entwicklungen. Die so dringend in den Schulen benötigte digitale Medienkompetenz bleibt also weiterhin ein Thema des Wahlpflichtbereiches, es liegt in der Entscheidung der Studierenden selbst, ob sie hier während ihres Studiums Kompetenzen erwerben oder nicht. Mit anderen Worten: Es ist durchaus möglich, ins Referendariat zu starten, ohne sich im vorausgegangenen Lehramtsstudium jemals mit digitalen Medien und ihrer Bedeutung für Schule und Unterricht befasst zu haben.

 

 

 

Empfehlungen

Bund, Länder und Hochschulen müssen den nachhaltigen Aufbau von digitalisierungsbezogenen Kompetenzen bei (angehenden) Lehrkräften viel stärker in den Fokus rücken. Es gilt, das Momentum der aktuell dynamischen Entwicklungen in Sachen digitaler Lehre zu nutzen und dauerhaft tragfähige Lösungen zu etablieren.

1. Phasenübergreifend ansetzen

Der Erwerb digitalisierungsbezogener Kompetenzen muss in allen Phasen der Lehrerbildung fest verortet sein, um einen sukzessiven Kompetenzaufbau zu ermöglichen. Insbesondere die erste Phase der Lehrerbildung muss hier dringend stärkere Berücksichtigung finden. Länder und Hochschulen müssen sicherstellen, dass digitalisierungsbezogene Kompetenzen schon mit dem Abschluss des Lehramtsstudiums erworben werden, damit die zweite Phase, also die schulpraktische Lehrerausbildung, an dieses wichtige Grundwissen anschließen kann. Eine Implementierung als prüfungsrelevanter Gegenstand der 2. Staatsprüfung, wie sie in einigen Ländern bereits besteht, sollte ebenfalls flächendeckend stattfinden.

2. Länderübergreifende Standards vereinbaren

Die KMK-Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ formulierte bereits einen umfassenden Kompetenzkatalog für Lehrkräfte als Zielvorstellung. Nun geht es darum, geeignete Instrumente zu implementieren, die sicherstellen, dass diese Kompetenzziele auch tatsächlich bei allen angehenden Lehrkräften aller Fächer und Schulformen erreicht werden. Es braucht daher länderübergreifende verbindliche Qualitätsstandards für digitalisierungsbezogene Studieninhalte. Die geplante Weiterentwicklung der KMK-Strategie von 2016 sollte neben Zielvorgaben unbedingt auch Wege zur Zielerreichung enthalten, die in einem nächsten Schritt in konkrete Landesvorgaben münden müssen. Nur so können die ambitionierten Kompetenzziele auch Realität werden.

3. Erfolgsmodelle skalieren

Erfolgreiche Lehr-/Lernmodelle, die an lehrerbildenden Hochschulstandorten beispielsweise im Zuge der bereits seit 2016 laufenden Qualitätsoffensive Lehrerbildung entwickelt wurden und werden, sollten effizient in die Fläche gebracht werden. Hierfür reichen jedoch die üblichen Vernetzungs- und Transferaktivitäten zwischen Einzelakteuren nicht aus. Die Länder sind dazu aufgerufen, Ver - netzung und Kooperation weiter zu forcieren sowie Hochschul - verbünde zu fördern, die gemeinsam oder auch in klarer Arbeit steilung Lehr-/Lernmodelle entwickeln. Diese können dann überregional zum Einsatz kommen, zum Beispiel über eine bundesweite Plattform, die die Expertise aller Hochschulstandorte zu dem Thema effizient bündelt.

Die Hochschulen sind bereit zur Vernetzung – und bereits aktiv: Der Universitätsverbund digiLL, der auf Initiative lehrerbildender Hochschulen in Nordrhein-Westfalen entstanden ist und nun auch Hochschulen aus anderen Bundesländern umfasst, ist ein gutes Beispiel für eine länderübergreifende Kooperation. Die Länder sollten sich jedoch nicht darauf verlassen, dass Kooperationen immer in Eigeninitiative der Hochschulen und ohne finanzielle Förderung gelingen. Hier bedarf es konsequenter Anreize.

4. Nachhaltige Finanzierung sichern

Der Bund sollte sich über eine Verstetigung des Digitalpakts Schule dauerhaft stärker in der Finanzierung der Digitalisierung im Bildungsbereich engagieren. Sein Fokus müsste auf der technischen Ausstattung (inkl. Wartung) sowie bei digitalen Supportstrukturen und -Personal (Systemadministrator*innen, Medienpädagog*innen und Verwaltungspersonal) liegen. Dann könnten und sollten sich die Länder stärker als bisher auf Investitionen in die Ausbildung von Lehrkräften konzentrieren. Das hierfür nötige ‚Kooperationsgebot‘ war bereits ein Ergebnis der Sondierungsgespräche zwischen SPD, Grünen und FDP und ist ein richtiger und wichtiger Schritt zu einer nachhaltigen Bildungsfinanzierung.

5. Supportstrukturen schaffen

Bund und Länder sollten gezielt in die Einrichtung und den Ausbau von interdisziplinären Supportstrukturen (Sach- und Personalausstattung) und in den Aufbau digitalisierungsbezogener Expertise an den Hochschulen investieren. Um zeitgemäße digitale Didaktik vorzuleben und die entsprechenden Kompetenzen bei den Studierenden grundzulegen, benötigen Hochschullehrende in der Lehrkräftebildung Anlaufstellen für den eigenen Kompetenzaufbau rund um die Gestaltung digitaler Lehre, aber auch in Bezug auf medienpädagogische, ethische und rechtliche Fragen in Zusammen hang mit der Digitalisierung im Bildungsbereich.

6. Innovative Lehre vorleben

Die Digitalisierung der Hochschullehre muss insgesamt deutlich beschleunigt und nachhaltig gesichert werden. Auch die in der Lehrerbildung tätigen Personen an Hochschulen und Studienseminaren benötigen entsprechende Kompetenzen, um vorzuleben, was sie vermitteln möchten. Hierfür müssen sie sich entsprechend didaktisch weiterqualifizieren. Bei Stellenbesetzungen sollte diese Weiterbildungsbereitschaft durch die Hochschulen auch eingefordert und vertraglich fest vereinbart werden.

7. Digitalisierung zum echten Querschnittsthema machen

Alle vier Studienbereiche (Fachwissenschaften, Fachdidaktik, Bildungswissenschaften, Praxisphasen) müssen den Erwerb relevanter digitalisierungsbezogener Kompetenzen sicherstellen. Hier sind insbesondere die Fachgesellschaften in der Pflicht, die fachlichen Studieninhalte (Fachdidaktik UND Fachwissenschaften) so zu erweitern, dass fachspezifische digitalisierungsbezogene Kompetenzen Eingang in die Curricula finden.

8. Schwerpunktsetzung ermöglichen

Jede/r Lehramtsstudierende und bei Bedarf jede bereits berufstätige Lehrkraft sollte verbindlich ein Basis-Set an medienpädagogischen und mediendidaktischen Grundkompetenzen erwerben. Gleichzeitig sollte angesichts der zunehmenden Rollendifferenzierung und Professionalisierungstendenzen im Schulalltag eine freiwillige weitergehende Schwerpunktsetzung und Spezialisierung ermöglicht werden, etwa eine zertifizierte Erweiterung um vertiefende Kompetenzen im Bereich der digitalen Bildung.