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Monitor Lehrerbildung

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Inklusion

Wie werden Studierende auf Inklusion vorbereitet?

Ausgangspunkt der aktuellen Diskussion um inklusive Bildung ist das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention). 2006 von der UN verabschiedet und 2009 in Deutschland in Kraft getreten, gibt es vor, dass alle Vertragsstaaten auf allen Ebenen ein inklusives Bildungssystem vorhalten müssen. Es fordert den Zugang und die Teilhabe an Bildungsangeboten für alle Menschen. Folgt man der Interpretation der UN, ist Inklusion Aufgabe aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an allen Schulen – entsprechend müssen alle Lehrkräfte in allen Ländern, in allen Phasen der Lehrerbildung für alle Lehramtstypen für inklusiven Unterricht ausgebildet werden1.

»Inklusion« ist trotz der intensiven öffentlichen Diskussion noch längst nicht selbstverständlich. Alle 16 Länder und 65 von 71 befragten Hochschulen gaben im Herbst 2014 Auskunft2, welches Verständnis sie von Inklusion haben und inwieweit das Thema Umgang mit Vielfalt und Inklusion in der Lehrerbildung bereits verankert und umgesetzt ist. Um den laufenden Entwicklungen gerecht zu werden, wurde meist nicht nur der gegenwärtige Stand abgefragt, sondern auch geplante Maßnahmen wurden erhoben.

Leitlinien der KMK setzen Inklusion als Thema in der Lehrerbildung.

Die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK) hat einige Empfehlungen und Beschlüsse zur Inklusion verabschiedet, die vorwiegend allgemein gehaltene Hinweise zu einem Umgang mit Inklusion geben3. In den Rahmenvereinbarungen über die Ausbildung und Prüfung für alle Lehramtstypen spricht die KMK den »pädagogischen und didaktischen Basisqualifikationen in den Themenbereichen Umgang mit Heterogenität und Inklusion sowie Grundlagen der Förderdiagnostik« eine besondere Bedeutung zu4. Die im Jahre 2014 überarbeiteten Standards für die Bildungswissenschaften und die Sonderpädagogik sehen unter anderem vor, dass Lehrerinnen und Lehrer die Herausforderungen inklusiver Schulentwicklung reflektieren5, also auch Fragen der Individualisierung oder Diversitätsorientierung. Somit hat die KMK erste Weichenstellungen dafür vorgenommen, dass Inklusion über alle Länder hinweg verpflichtender Bestandteil des Lehramtsstudiums werden soll. Die konkrete Ausgestaltung obliegt jedoch den einzelnen Ländern und Hochschulen.

Strukturen des Lehramtsstudiums werden unterschiedlich angepasst.

Länder und Hochschulen sind in ihrer Entscheidung bezüglich der Ausgestaltung von Studiengängen nicht gänzlich frei. Sie müssen sich an gewisse Steuerungsmechanismen, wie etwa in Bezug auf die Gesamtzahl der ECTS-Punkte oder Modulgrößen, halten. Im Rahmen dieser übergeordneten Vorgaben haben sie jedoch Spielraum, die Strukturen der Lehrerbildung individuell zu bestimmen. Dementsprechend unterschiedlich erfolgt in den Ländern die Definition von Rahmenbestimmungen und an den Hochschulen die Umsetzung der landesweiten Vorgaben und Empfehlungen. Vier Grundtypen denkbarer Gestaltungsmöglichkeiten zeigen, über welche strukturellen Änderungen das Thema Inklusion im Lehramtsstudium vermittelt werden kann6. In einem Land sowie an einer Hochschule können unter Umständen auch mehrere dieser Optionen zeitgleich realisiert sein.

Einen Überblick über die vier Grundtypen möglicher Strukturveränderungen und in wie vielen Ländern und Hochschulen diese realisiert werden werden, können Sie der Grafik entnehmen.

Zwischenfazit Länderebene

Länder geben eine unterschiedliche Regelungstiefe vor.

Sechs Länder schreiben ihren Hochschulen vor, verpflichtende Lehrveranstaltungen zum Thema Inklusion für Studierende aller Lehramtstypen vorzusehen. Drei Länder legen fest, dass Inklusion als Querschnittsthema im gesamten Curriculum zu berücksichtigen ist. In weiteren Ländern sind entsprechende Richtlinien in Planung. Auch wenn jedes Land mindestens eine der beiden genannten Regelungen eingeführt hat oder dies plant, erscheinen die Landesvorgaben eher zurückhaltend. Ein genauerer Blick offenbart, dass bislang nur Rheinland-Pfalz vorsieht, sowohl verpflichtende Lehrveranstaltungen für alle Lehramtstypen als auch Inklusion als Querschnittsthema in allen drei Bereichen (Fachwissenschaften, Fachdidaktiken und Bildungswissenschaften) zu implementieren. Niedersachsen sieht dies ähnlich umfassend vor, überlässt die Umsetzung jedoch den Hochschulen7.

Inklusionsverständnis an den Hochschulen.

14 der 16 Hochschulen, die im Zuge der Befragungen zum Monitor Lehrerbildung auf die Frage nach ihrem an der Hochschule gelebten Inklusionsverständnis geantwortet haben, gehen von einem »weiten« Inklusionsbegriff aus, der sämtliche Heterogenitätsdimensionen umfasst, lediglich zwei Hochschulen beschränken ihn auf Behinderungen.

Verpflichtende Lehrveranstaltungen oder Module zum Thema Inklusion sind an weniger als der Hälfte der Hochschulen umgesetzt.

Inklusion als Querschnittsthema ist an den Hochschulen bislang hauptsächlich in den Bildungswissenschaften vorgesehen.

Insgesamt haben bereits 57 Hochschulen Inklusion als Querschnittsthema in einem der drei Bereiche implementiert oder planen dies. 43 von ihnen liegen in den neun Ländern, die zurzeit noch keine Vorgaben zur Verankerung von Inklusion als Querschnittsthema gemacht haben. Dennoch sehen bislang nur vier Hochschulen (Universitäten Greifswald, Hildesheim, Oldenburg und PH Heidelberg) einen »echten« Querschnitt in allen drei Bereichen vor; acht weitere Hochschulen (Universitäten Erlangen-Nürnberg, Göttingen, Heidelberg, Köln, Paderborn, Regensburg, Trier und PH Ludwigsburg) planen dies.

Die meisten Studierenden können praktische Erfahrungen in inklusiven Settings sammeln.

An der Mehrheit der Hochschulen haben alle Lehramtsstudierenden die Möglichkeit, Praktika an inklusiv arbeitenden Schulen zu absolvieren: Verpflichtend für alle Lehrämter ist dies jedoch nur an vier Hochschulen (Universitäten Bremen, Flensburg, Potsdam, Universität des Saarlands), an acht Institutionen (Universitäten Bielefeld, Halle-Wittenberg, Leipzig, Osnabrück, Paderborn, Rostock, Siegen sowie PH Ludwigsburg) nur für einzelne Lehrämter. Die Wahlmöglichkeit besteht an 35 Hochschulen für alle Studierenden, an neun Hochschulen für Studierende ausgewählter Lehramtsstudiengänge.

Zwischenfazit Hochschulebene

Hochschulen sind unterschiedlich weit darin, Studierende auf Inklusion vorzubereiten.

Die Ergebnisse zeigen, dass bisher nur wenige Hochschulen – darüber hinaus in sehr unterschiedlichem Ausmaß – Anstrengungen unternehmen, um Studierende angemessen auf Inklusion vorzubereiten. 19 Hochschulen gaben an, mindestens eine der abgefragten Maßnahmen zur Vermittlung von Inklusion in der Lehrerbildung anzubieten (verpflichtende Veranstaltungen zu Inklusion für alle Lehramtstypen, Inklusion als Querschnittsthema in allen drei Bereichen oder ein verpflichtendes Praktikum in inklusiven Settings für alle Studierende). Vier Hochschulen (Universitäten Bremen, Greifswald, Hildesheim und Potsdam) haben zwei Maßnahmen bereits umgesetzt und keine Hochschule alle drei Optionen8.

Hochschulpersonal wird teilweise darin unterstützt, sich weiterzubilden.

An allen Hochschulen, die auf diese Frage antworteten (Mehrfachantworten waren möglich), sind Professorinnen und Professoren und/oder Lehrende des akademischen Mittelbaus für die Lehre zur Inklusion in der Lehrerbildung zuständig. 34 der 56 Hochschulen, die auf diese Frage antworteten, gaben an, dass zudem auch Lehrbeauftragte die Lehre zur Inklusion in der Lehrerbildung durchführen. An vier Hochschulen gibt es weitere, sonstige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (Privatdozentinnen und Privatdozenten oder abgeordnete Lehrkräfte aus dem Schuldienst). Das bereits bestehende Hochschulpersonal wird teilweise dabei unterstützt, bei Bedarf seine Kompetenzen zu erweitern, um Studierende (besser) auf die Herausforderungen in inklusiv arbeitenden Schulen vorbereiten zu können. Auf die Frage nach den genutzten bzw. geplanten Personalentwicklungsmaßnahmen antworteten 60 der befragten Hochschulen:

Verschiedene Personalentwicklungsmaßnahmen bereiten Lehrende auf Inklusion vor.

  1. Der Fokus dieser Publikation liegt – ohne dass hierdurch der zweiten und dritten Phase der Lehrerbildung (Vorbereitungsdienst sowie Fort- und Weiterbildung) hinsichtlich des Themas Inklusion Relevanz abgesprochen werden soll – auf der ersten Phase der Lehrerbildung, dem Lehramtsstudium.
  2. Alle hier genannten Daten sind im Detail online verfügbar unter www.monitor-lehrerbildung.de. Die dortigen Angaben sind um weitere Hochschulen erweitert worden, die ihre Daten erst nach Druckschluss zur Verfügung gestellt haben. Gegenstand der Erhebung sind Ausbildungsstrukturen, nicht die individuelle Kompetenzentwicklung der Studierenden oder der an der Lehrerbildung beteiligten Akteure.
  3. Eine Übersicht über die Dokumente findet sich hier: http://bit.ly/1aIGuBR.
  4. Die Rahmenvereinbarungen aller Lehrämter finden sich hier: http://bit.ly/1Cjfsg0.
  5. Vgl. Kultusministerkonferenz (2014): Standards für die Bildungswissenschaften (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 16.12.2004 i. d. F. vom 12.06.2014): http://bit.ly/1wKgZ7G.
  6. Die drei Modelle, die wiederholt in der Forschungsliteratur aufgezeigt werden, wurden hierfür abgewandelt und erweitert. (Vgl. Stayton/McCollum (2002): Unifying general and special education: What does the research tell us? Teacher Education and Special Education 25. Heft 3/2002; Pugach/Blanton (2009): A framework for conducting research on collaborative teacher education. Teaching and Teacher Education 25. Heft 4/2009).
  7. Hier werden nur bereits umgesetzte Maßnahmen betrachtet. Berücksichtigt man ebenfalls die Planungen, wird Inklusion künftig in fünf Ländern als Querschnittsthema in allen drei Bereichen umgesetzt sein. Darüber hinaus werden künftig in zehn Ländern Lehrveranstaltungen zum Thema Inklusion für Studierende aller oder mancher Lehramtstypen verpflichtend zu besuchen sein.
  8. Nicht betrachtet wurden die geplanten Initiativen sowie die Maßnahmen, die nur für bestimmte Lehramtstypen realisiert wurden bzw. werden sollen als auch die Einführung von Studiengängen mit integrierter Förderpädagogik.