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Monitor Lehrerbildung

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Flexible Wege ins Lehramt

Meinung: Alexander Biedermann (Universität Leipzig)

Die dritte Phase verdient mehr

(Ein Beitrag von Alexander Biedermann (Geschäftsführer des Zentrums für Lehrerbildung und Schulforschung der Universität Leipzig) im Newsletter vom 10. Juli 2020)

Mit großem Genuss habe ich Ewald Terharts „Gedanken über Lehrermangel“ auf der Homepage der Friedrich Ebert Stiftung gelesen, auf die mich dieser Newsletter aufmerksam gemacht hat: „Seiten- und Quereinsteiger(innen) gab es schon immer und wird es immer geben. Es ist sinnlos und unverantwortlich, den Blick davor zu verschließen.“ De facto befinden wir uns dieser Tage auf einem Zenit des Seiteneinstiegs. Der Lehrermangel hat unsere Ausbildungskapazitäten in Hochschulen und Seminaren zwar bis zum Bersten aufgebläht, aber insbesondere in sog. ländlichen Regionen oder „Brennpunktschulen“ kommen zu wenige Absolvent(inn)en an. Sog. Seiteneinsteiger(innen) sind zu Tausenden in genau diesen Schulen beschäftigt. Im Freistaat Sachsen haben ca. 10 % aller Lehrkräfte keinen grundständigen Lehramtsabschluss. Viele dieser Kolleg(inn)en, die zuweilen die am meisten herausfordernde Arbeitsumgebung vorfinden, profitieren kaum von den aufwendigen Angeboten in erster und zweiter Phase. Trotzdem wird im akademischen Diskurs um Lehrerbildung gefühlt um jeden Leistungspunkt zwischen den Fachinhalten gerungen, als ob man damit die Schule von morgen rettet. Mit Interventionen in der universitären Lehrerbildung verändern wir bestenfalls die Schule von übermorgen. Unmittelbar notwendig und wirksam werden wir Lehrerbildner(innen) aber vor allem dort, wo bisher wenig ist: In der dritten Phase. Hier akut in der Seiteneinsteiger(innen)qualifizierung.

Es ist tatsächlich „sinnlos und unverantwortlich“, wenn manche Bundesländer keine soliden Assessment-, Supervisions- und Qualifizierungsprozesse für Seiteneinsteiger(innen) definiert haben. Es ist völlig müßig, darüber zu streiten, ob der Seiteneinstieg sein darf, sollte oder muss. Er ist und war immer notwendige Realität. Hier gilt es, die Schwächen und Risiken der De-Professionalisierung abzumildern und Chancen herauszuarbeiten. Das findet im Bildungsföderalismus sehr unterschiedlich statt. Zuweilen sind die Hochschulen gar nicht eingebunden, was praktisch absurd ist. Die Hochschulrektorenkonferenz und die Gesellschaft für Fachdidaktik haben sich hier jüngst klar positioniert: Die systematische Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften kann nicht ohne die Hochschulen gedacht werden. Dass das nicht selbstverständlich ist, zeigt aber auch, dass wir letztlich in allen Phasen zu wenig darüber wissen, welche Inhalte und Methoden der Lehrerbildung welchen Beitrag zur Professionalisierung von Lehrkräften leisten. Und in welchen Kompetenzbereichen genau unsere grundständig ausgebildeten Lehrkräfte den Seiteneinsteiger(inne)n pauschal überlegen sind bzw. sein müssten.

Aber der Föderalismus birgt auch die Chance, aus verschiedenen Ansätzen zu lernen. Der vom Lehrermangel besonders gebeutelte Freistaat Sachsen hat sich bereits im Jahr 2013 dem Seiteneinstieg in der Lehrerbildung zugewendet. An der Universität Leipzig, der TU Chemnitz und der TU Dresden sind ca. 900 Seiteneinsteiger(innen) in Weiterbildungsstudiengängen eingeschrieben. Die dritte Phase ist trotz oder gerade wegen des anhaltenden Lehrermangels das Zukunftsthema der Lehrerbildung. Es braucht eine viel gewichtigere Debatte der Institutionen über eine systematische Fort- und Weiterbildung im Lehrerberuf als wir sie zurzeit führen und ich erwarte von KMK und Ländern, sich hier stärker der Verantwortung zu stellen. Wir müssen die Hochschulen mandatieren und ausstatten, diesen Aufgaben nachzukommen. Es bietet sich an, dafür die Strukturen aus der Zeit des Lehrermangels und der Qualitätsoffensive nachhaltig zu nutzen. Fort- und Weiterbildung braucht aber nicht nur starke Angebote, sondern auch Ressourcen von Seiten der Schulen: Lehrer(innen) müssen Zeit zum Lernen haben. Das ist in einer Zeit, in der wir jede Unterrichtsstunde benötigen, schmerzhaft. Aber ohne diese Investitionen bleibt Lebenslanges Lernen im Lehrer(innen)beruf eine Floskel in müden Grundsatzpapieren.

 

Foto: Christian Hüller