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Monitor Lehrerbildung

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Flexible Wege ins Lehramt

Meinung: Birgit Weyand (Universität Trier)

Von der Endlichkeit eines Curriculums. Oder: Der Kuchen muss neu verteilt werden.

(Ein Beitrag von Dr. Birgit Weyand (Geschäftsführerin des Zentrums für Lehrerbildung der Universität Trier) im Newsletter vom 04. November 2020)

 

Die aktuellen Herausforderungen an unser Bildungssystem und damit an die Lehrer*innenbildung sind virulenter und viraler denn je. Die Corona-Pandemie legt sich nicht nur wie ein Brennglas auf den Status Quo und zeigt die Schwachstellen eines Schulsystems von gestern mehr als deutlich auf: Bildungsgerechtigkeit, Digitalisierung, Demokratiebildung, Umgang mit Diversität – um nur einige Querschnittsthemen zu nennen. Zugleich macht die momentane Misere offensichtlich, dass Lehrer*innenprofessionalität und Lehrer*innenbildung mit immer neuen und jeweils auch richtigen und wichtigen Querschnittsthemen, über die das Rüstzeug für die o.g. Herausforderungen vermittelt werden soll, strukturell schon längst an ihre Grenzen gestoßen ist.

Klar ersichtlich wird diese Überfrachtung sowohl der Professionalisierung als auch der Professionalität bei einem Blick auf die Curricula des Studiums, insbesondere über den Parameter Credit-Points:

Betrachtet man rein quantitativ einen Bachelor of Education (180 CP), studieren angehende Lehrer*innen ihre beiden Fächer auf Nebenfach-Niveau. Zieht man dann noch von den 65 CP je Fach im Bachelor rund 15 Prozent Fachdidaktik ab, bleiben insgesamt weniger Leistungspunkte als die 60 CP, die man in einem fachbezogenen Bachelorstudiengang als Nebenfach studieren würde, übrig. Und dazu kommen dann als drittes Fach die Bildungswissenschaften, die mit 30 CP gerade die Hälfte eines Nebenfachvolumens haben. Dies wirft - schon ohne Berücksichtigung von Querschnittsthemen - zwei zentrale Fragen auf:

  • Können wir mit diesem Angebot solche jungen Menschen für das Studium und damit für den Beruf gewinnen, die sich mit Herzblut für ihre Fächer und für die Berufswissenschaften begeistern, wenn sie schon im Studium weder das eine noch das andere in der Tiefe ergründen können? Ich denke nicht.
  • Können wir mit dieser Struktur ein fachliches Niveau erreichen, welches nicht nur den vertieften disziplinären Background der Lehrer*innen sichert, sondern auch die qualitativ anspruchsvolle Umsetzung der Unterrichts-Curricula? Auch hier bin ich skeptisch.

 

Zu dieser ohnehin vorliegenden Schieflage kommen notwendige Aktualisierungen in Form von curricularen Querschnittsthemen hinzu. Die gegenwärtigen und vor allem zukunftsorientierten Herausforderungen sind jedoch zu bedeutsam, um irgendwie als „Querschnittsthemen“ in ein ohnehin volles und enges curriculares Korsett gepackt zu werden. Zudem ist die Gefahr groß, dass ohne eine explizite curriculare Verortung bedeutsame Themen wie `Diversität als Potenzial´ im Sumpf der Verantwortungsdiffusion untergehen. Diese Kompetenzbereiche haben eine eigene Dignität, sollten fächerübergreifend angelegt und unterfüttert und mit einem eigenen Credit-Pool strukturell gesichert werden.

Doch wo sollen freie CP herkommen? Ein Curriculum ist endlich, der Kuchen ist verteilt, jedoch mit suboptimalem Effekt, wie oben dargelegt. Denn wir produzieren mit dem komplexen Drei-Fach-Studiengang im Lehramt eher Schmalspur-Generalist*innen als fachliche Expert*innen für die wichtigste Multiplikator*innenfunktion in unserer Bildungsgesellschaft. 

Daher sollte einmal grundlegend am System nachgedacht und diskutiert werden, ob z.B. ein Zwei-Fach-Studienmodell mit Profilbereich nicht sinnvoller wäre?!

Ist es wirklich noch zeitgemäß und vor allem zukunftsorientiert, dass die Drei-Fächer-Struktur des Lehramtsstudiums vom Funktionieren des althergebrachten Schulsystems, respektive des Stundenplans, determiniert wird? Die Struktur, die den Rahmen für die Professionalisierung angehender Lehrer*innen bildet, sollte doch von qualitativen und inhaltlichen Kriterien ausgehend angelegt und nicht von organisatorischen Überlegungen bestimmt sein.

Der Benefit einer solchen Zwei-Fach-Struktur liegt auf der Hand. Studierende könnten sich sowohl zur eigenen Zufriedenheit als auch zur gelingenden fachlichen Kompetenzentwicklung in ihr „Lieblingsfach“ vertiefen (nach meiner Erfahrung schlägt ihr Herz zumeist für ein bestimmtes Fach, ein zweites wird dann irgendwie dazu gesellt). Die Bildungswissenschaften als zweites Fach würden aufgewertet und könnten – ggf. in Verbindung mit den Fachdidaktiken – zudem verschiedene Profilbereiche (Inklusion, Demokratiebildung, Diversität u.ä.) anbieten. Dadurch würde nicht nur das Studium selbst, sondern auch die zukünftigen Lehrer*innen eine Profilierung erfahren bzw. erwerben. Digitalisierung käme als curriculare Querstruktur mit z. B. einem Basismodul und weiteren thematisch-fächerübergreifend angelegten Modulen (z.B. Bildung für nachhaltige Entwicklung) hinzu. Denn ohnehin gehört den fächerübergreifenden, problem-based Ansätzen die Zukunft des Unterrichtens.

Soweit in Kürze die Idee einer neuen universitären Lehrerbildungsstruktur, die gerne kritisch hinterfragt und konstruktiv weitergedacht werden soll! Denkverbote darf es hier nicht geben. Vorbilder gibt es genügend, z.B. Kanada. Und wie dann der Stundenplan der Schule zukünftig zu organisieren sein würde – das wäre das nachrangige und weitaus kleinere Problem im erfolgreichen Umgang mit den Herausforderungen unseres Bildungssystems.

 

Foto: Universität Trier